Webber: “Doppelte Punkte ein Übel”

18s3slzuwsy9ojpgEx-Red Bull F1 Star Mark Webber sprach mit den Salzburger Nachrichten. Im Interview war der der 38-jährige Australier und heutige Porsche-Werkfahrer auf der Langstrecke gegenüber der “modernen Formel 1” sehr kritisch

Hier das Interview mit Dank an die SN

Was erwarten Sie vom kommenden Formel-1-Finale?

Webber: Hmmm, die doppelten Punkte in Abu Dhabi sind ein Übel. Bei Mercedes sorgt das Stallduell um den Titel für eine unglaubliche Hochspannung, da stehen alle unter Strom.

Hamilton oder Rosberg?

Ich habe von Lewis einige hervorragende Vorstellungen gesehen, und er wird in Abu Dhabi ganz stark sein. Das war er dort immer schon. Aber: Ob Lewis in Budapest stark war oder Nico in Monaco, Silverstone oder zuletzt in Sao Paulo – das zählt jetzt nicht mehr, das war einmal. Beide haben einen unglaublichen Job gemacht. Jetzt geht es um ein Rennen, das nächste, und Lewis hat halt einige Punkte Vorsprung, Platz zwei reicht ihm. Das ist sein Vorteil.

Waren Sie von Vettels Entscheidung, Red Bull zu verlassen, überrascht?

Nein, das habe ich immer erwartet, dass er einmal dort landen wird, wo es alle vermuten. Das nächste wird sein letztes Team sein. Er war frustriert, er will Resultate, aber er weiß auch besser als jeder andere, dass er Geduld brauchen wird. Vielleicht ist die Entscheidung wirklich richtig. Als Lewis McLaren verließ, meinte jeder, er sei verrückt, und jetzt steht er mit Mercedes vor einem Riesentriumph. Aber bei allem Fokus auf das WM-Duell muss sich sagen, es gibt wichtigere Dinge in der Formel 1 als dieses. Es geht um den Zustand, die Prosperität des gesamten Sports.

Haben Sie Ihren Nachfolger Daniel Ricciardo so stark erwartet?

Er kam, stieg ein, kam auf Anhieb mit dem Auto zurecht und es machte einfach “click” für ihn. Es hätte auch 180 Grad anders sein können, dann stünde er ganz anders da. Aber er hat in seiner neuen Rolle überzeugt und eine großartige Leistung erbracht.

Ist die Formel 1 mit dem neuen Reglement auf dem richtigen Weg?

Sie haben einen wirklich großen Reset gemacht. Und einige kommen damit überhaupt nicht zurande, wie Kimi (Räikkönen) zum Beispiel. Das ist nicht sein Rennsport. Wenn man Autos hart am Limit fahren konnte, war er da. Eine schnellste Runde nach der anderen. Jetzt ist er völlig frustriert, kann sich nicht mehr ins rechte Licht rücken. Er gibt jetzt vielleicht 70 Prozent seines Maximums. Und dann finde ich Bernie Ecclestones jüngste Bemerkungen, er brauche kein junges Publikum in der Formel 1, sagen wir einmal so, sehr interessant.

Mit Max Verstappen fährt nächstes Jahr ein 17-Jähriger Formel 1. Ist das gut so?

Ich weiß nicht, ob Leute 400 Euro für ein Ticket zahlen wollen, um einen 17-Jährigen fahren zu sehen. Vielleicht ist einer okay, aber wenn es vier oder fünf sind, wird das sehr extrem. Wir hatten ähnliche Fälle in der Vergangenheit, als Fernando (Alonso) oder Kimi in die Formel 1 kamen. Sie waren speziell und setzten sich durch. Aber: Die Autos waren damals viel schwieriger, vor allem physisch. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern war viel größer. Verstappen war im freien Training schon weiter als frühere Debütanten nach etlichen Monaten. Junge Fahrer haben heute nur noch sehr geringen Respekt vor Formel-1-Autos. Heute wird man ja fast verlegen, wenn ein F1-Auto aus der Box fährt. Die Formel 1 ist heute eine etwas stärkere GP2. Das ist nicht die Formel 1, die wir alle gewohnt waren.

dt_mark-20webber-20jag-20130628105026295313-620x414Darf ich schließen, Sie vermissen die Formel 1 nicht?

Genau. Es ist einige Monate her, dass ich ein gesamtes Rennen im TV sah. Zuletzt in Brasilien war ich beim Autofahren, hörte im Radio zu. 85 Prozent der Übertragung ging es um Reifen. Das frustriert – die Fahrer genauso wie die Fans. Die Piloten können ihr Leistungspotenzial nicht mehr darstellen. Oder DRS (der verstellbare Heckflügel, Anm.), das ist für einen immer peinlich. Die Autos und die Technik waren bis Mitte der 2000er-Jahre einfach anders. Die Entwicklung der letzten drei, vier Jahre war kein Dienst am Kunden, den Fans. Vier Boxenstopps, wer soll sich da auskennen? Und dann die Bezahlfahrer am Ende des Feldes – wir sollten die absolut besten Fahrer in der Formel 1 haben. Es gibt einige, die dorthin gehören, aber nie dorthin kommen werden. Heute kommt ein Junger mit größtem Talent, der sich täglich im Training fast alle Knochen bricht, nicht in die Formel 1, weil er schon die 400.000 Euro für einen einzigen F1-Testtag nicht aufbringen kann.

Behält Mercedes 2015 die Dominanz?

Wenn du ein hervorragendes Auto hast und sich an den Rahmenbedingungen nicht viel ändert, hast du die besten Voraussetzungen für nächste Saison.

Wie sehen Ihre Erfahrungen nach der ersten Saison in der Langstrecken-WM aus?

Ich war zuerst einmal vom Porsche 919 und dessen Leistungspotenzial sehr beeindruckt. Du musst eine konstante Fahrweise erreichen und versuchen, alle Parameter des Hybridsystems im korrekten Fenster zu halten. Ganz ehrlich: In der ersten Jahreshälfte war es für mich schwierig, mich anzupassen – auch an die Teamarbeit oder die Nachtstunden in Le Mans. Es ist eine Umstellung um Mitternacht oder vier Uhr früh Rennen zu fahren. Seit dem Rennen in Fuji (Oktober) hatte ich aber eine großartige Zeit. Die Kameradschaft im Team ist sensationell. Es ist für mich großartig, zu diesem Karrierezeitpunkt noch viel für ein junges Team beitragen zu können. Und dabei will ich meine eigenen Vorgaben erfüllen, auf dem höchsten Niveau mit größtem Kampfgeist meine Leistung zu bringen. In der Formel 1 hast du 85 Prozent deiner Arbeit außerhalb des Cockpits aufgewendet, hier ist es ganz anders. Da zählt das Fahren noch am meisten.

Sie hatten bereits Erfahrung im Höhepunkt Le Mans, wie sehen Sie den Klassiker jetzt?

Das ist einfach sehr, sehr speziell. Ein gesamter Tag nur Rennfahren, mit unglaublichen Emotionen, jeder wird hundemüde, und ich war wirklich überrascht, welches Gefühls-Auf- und Ab es innerhalb des Teams auslösen kann.

Porsche kam zuletzt dem ersten Sieg nahe, brachte in Bahrain beide Autos aufs Podest. Hatten Sie den für diese Saison schon erwartet?

Ich glaube nicht. Damit war vor Saisonstart kaum zu rechnen. Wir haben es doch mit einem völlig neu aufgebauten Team zu tun, das menschlich und technisch zu sich finden, die Stärken und Schwächen jedes einzelnen ausloten musste. Der Vorteil war, dass wir mit einem neuen, frischen Ansatz ans Werk gingen. Einiges ist uns sensationell gelungen, zum Beispiel Le Mans als Gesamtoperation. Wir machten dort wirklich gute Figur. Spezielle Rennsituationen wie Boxenstopp, Safety-Car-Phasen usw. haben wir schnell gelernt. Aber wir lernen immer noch mit jedem Rennen dazu. Und das ist völlig normal. In Summe würde ich sagen: Wir haben Porsche wieder ins Blickfeld gebracht, und die Gegner wissen, dass wir da sind.

Hat die heurige positive Erfahrung ihren persönlichen Zeitplan zum Karriereende verändert? Können Sie sich vorstellen, länger aktiv zu bleiben als vielleicht bisher geplant?

Ja, absolut. Ich dachte, ich würde hier nur noch eine beschränkte Zeit verbringen, aber jetzt denke ich, es wird länger sein.

mark-webber-le-mans-600Können Sie sich vorstellen, nach der aktiven Laufbahn weiter für Porsche tätig zu sein, als Markenbotschafter oder Entwickler wie zum Beispiel Walter Röhrl?

Eine solche Entscheidung liegt komplett bei Porsche und auch Porsche Australien. Ich bin stolz, jetzt Teil von Porsche zu sein und ja, Sebastian (Vettel) und ich haben uns schon 2010 privat 911er GT2 gekauft… Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu einigen Vorständen, auch Dr. (Wolfgang) Porsche (Aufsichtsrats-Vorsitzender, Anm.) hat mich großartig aufgenommen. Ja, das könnte ich mir vorstellen, Porsche verbunden zu bleiben. Allerdings: Ich spreche nicht besonders viele Sprachen, da bin ich wohl etwas im Nachteil. Aber nach dem Ausstieg aus dem Cockpit weiter für Porsche zu arbeiten ist für mich sicher eine Option für die Zukunft.

Tauschen Sie sich im WEC-Fahrerlager mit alten F1-Kollegen aus?

Klar, ständig, mit Alex (Wurz), mit Anthony (Davidson) oder Stéphane (Sarrazin), gegen den ich schon Formel 3000 fuhr. Wir sind eine große Familie mit toller Kameradschaft.

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