130 R: Freud und Leid aus Asphalt

Nicht nur aufgrund des benachbarten Vergnügungsparks wird der Suzuka Circuit oft mit dem Rummel verglichen. Die Streckenführung des ultraschnellen Kurses lässt die Fahrer sich oftmals wie auf einer Achterbahn fühlen. Bekanntestes Beispiel ist hier die 130R, ein nach seinem Radius benannter, extrem schneller Linksknick, der eine der größten Herausforderungen im gesamten WM-Kalender darstellt.

Suzuka war ursprünglich die Teststrecke der nahegelegenen Honda-Fabrik und das Kind einer Idee von Honda-Boss Soichiro Honda. Er baute seine Fabrik aufgrund der Nähe zu einem wichtigen Seehafen hier in Suzuka auf und wollte dann eine Teststrecke für seine Fahrzeuge. Honda skizzierte das ursprüngliche Layout selbst und engagierte dann den Niederländer John Hugenholz, der bereits die Pisten in Zandvoort, Zolder oder Jamara gebaut hatte, seine Ideen umzusetzen.

Fahrerfreude…

“Aus Fahrersicht ist Suzuka für mich jedes Jahr das Highlight. Du freust Dich als Pilot riesig auf die Strecke, vor allem auf den ersten Sektor. Er ist die ultimative Herausforderung, aber auch die 130R mit dem Casio Triangle danach ist eine klasse Passage. Auf dieser Strecke hat der Fahrer wirklich großen Anteil, auch wenn die Wagenabstimmung natürlich das Um und Auf bleibt”, schwärmt der sechsfache Suzuka-Sieger Michael Schumacher. Auf der fahrerisch sehr anspruchsvollen Strecke stellen vor allem der Grip und die Balance des Fahrzeugs entscheidende Faktoren dar. „Es gibt hier eine Menge wirklich anspruchsvoller Hochgeschwindigkeitskurven, vor allem die 130R ist extrem schnell. Sie ist eine meiner Lieblingskurven, aber sie verzeiht Dir nicht den geringsten Fehler,“ gibt Robert Kubica zu bedenken. “Die Kunst ist, noch immer voll auf dem Gas zu bleiben, wenn Du spürst, dass der Wagen verzweifelt nach Grip suchst”, lacht Doppelweltmeister Fernando Alonso, der auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel 2005 Michael Schumacher hier waaghalsig außen überholte.

…und Todesgefahr

Nach einem bösen Unfall im Jahr 2002 kamen Sicherheitsbedenken an der ultraschnellen Kurve auf und sie wurde umgebaut. Glücklicherweise überstand Toyota-Pilot Allan McNish seinen brutalen Einschlag im Fangzaun relativ glimpflich. Die Kurve wurde umdesigned und hatte nun zwei Scheitelpunkte, einen mit einem 85m Radius und einen zweiten mit 340m Radius, der in die langsame Casio Triangle Schikane führt. Die Gefahr schien beseitigt, doch man irrte. Beim ersten Event auf der neuen Streckenvariante 2003 stürzte MotoGP-As Daijiro Kato beim Grand Prix von Japan zu Tode, als seine Maschine in der Anbremszone zum Casio Triangle ausbrach. Die Maschine schleuderte bei rund 190 km/h scharf nach links in eine rund einen Meter neben der Strecke stehende Betonmauer. Kato wurde schwer verletzt und mit geborstenem Helm zurück auf die Strecke katapultiert, konnte aber von Streckenposten rechtzeitig vor dem Eintreffen der nachfolgenden Fahrer geborgen werden. Er starb zwei Wochen später im Zentralkrankenhaus von Yokkaichi ohne vorher aus dem Koma zu erwachen. Die Strecke wurde nach diesem Unfall nicht mehr für Motorrad-WM-Rennen genutzt. Nach den Modifizierungen im Jahr 2003 ist die Kurve nicht mehr so heftig wie früher, aber dennoch blasen die Piloten mit rund 310 km/h bei einer Querbeschleunigung von rund 6g durch. Dass sie auch bei langsamerem Tempo unerbittlich ist, merkte zuletzt Lucas di Grassi, der seinen Virgin auf der Aufwärmrunde in der 130R vollkommen zerlegte.

Aus der Sicht des Piloten

Martin Brundle, Ex-Formel 1 Pilot, Sportwagen-Weltmeister 1988 und heute TV Experte, erinnert sich an seine Erlebnisse mit der 130R: „Die Anfahrt auf die 130R ist lange, und glaub mir, ich weiß das, weil ich 1993, nachdem mein Ligier kollabiert war, zu Fuß zurückgehen musste. Ligier hatte damals unglaubliche Probleme mir einen passenden Sitz zu machen und ich verbrachte Stunden beim Anpassen. Da mein Suzuka-Sitz endlich mal passte, war mein Plan ihn mitzunehmen und in den Boxen in den Ersatzwagen einzubauen. Nachdem es aber keine Fußwege neben der Piste gab, musste ich mit meinen netten kleinen Fahrerstiefeln durchs Unterholz und schwitzte in meinen vier Schichten feuerfester Kleidung und mit Sitz bzw. Helm in der Hand wie ein Tier. Als ich endlich am Ende der Geraden und dem Eingang zur 130R stand, hatte ich keine Lust mehr. Aber wenigstens konnte ich mir diese einmalige Kurve gut ansehen. Sie ist einfach legendär. Wenn Du reinfährst, denkst Du, sie wäre eine 90 Grad Kurve und Du könntest sie voll nehmen. Aber dann fährst Du rein und plötzlich siehst Du das Ende nicht mehr und alles wird immer enger. Die Auslaufzone ist minimal, weil gegenüber die Außenseite der Degner Kurve ist, da sich die Strecke dann ja zur Acht kreuzt. Die alte 130R konntest Du nur bei optimaler Abstimmung voll nehmen. Diese Kurve war gleichzeitig atemberaubend, Angst einflößend und belohnend, wenn Du sie erfolgreich hinter Dir hattest. Wenn Du hier einen Fehler machst, dann kann das wirklich ganz böse enden. Ich kann mich noch gut erinnern als Allan (McNish) hier 2002 abflog und sein Toyota die vierfachen Fangzäune wie ein Dosenöffner durchstoßen hat. Sah sehr ungut aus, aber zum Glück ist Allan gut davongekommen.

In der 130R habe ich auch zum ersten Mal erkannt wie gut Michael Schumacher werden würde. Im Training 1991 drehte er sich hier – ich glaube es war sein fünfter Grand Prix. Benetton ließ ihn eine Runde in Nelson Piquets Wagen drehen und er warf ihn in die Mauer und sorgte für einen Totalschaden. Wir alle waren gespannt, wie der selbstsichere Junge aus Deutschland nun damit umgehen würde, den Wagen des dreifachen Champions Piquet total zerlegt zu haben. Die Antwort kam rasch und ließ keine Fragen offen: Michael kam zur Box retour, stieg in seinen eigenen Wagen und knallte eine noch viel schnellere Runde auf den Asphalt. Die meisten Piloten wären wohl in diesem Sektor ein wenig vom Gas gegangen, aber Michael fuhr hier schneller und schneller. Nachdem ich schon bei Benetton für die kommende Saison unterschrieben hatte, machte ich mir gleich mal eine Notiz ‘auf den Jungen musst Du nächstes Jahr aufpassen’. Die 130R hatte ihm keine Albträume beschert, im Gegenteil, Schumacher hatte sie besiegt und sie sich zunutze gemacht. Heute hat die Kurve etwas an Schrecken verloren, denn die Wagen sind nun so gut und der Belag dort so geglättet, dass Du Vollgas durchfahren kannst. Sie ist immer noch anspruchsvoll, aber diesen Respekt, den wir noch hatten, musst Du heute nicht mehr haben. Schade eigentlich.”

 

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