Wie ist die Hackordnung nach Corona?

Der Titelkampf in der Königsklassen-Saison 2020 wird kein Marathon mit 22 Rennen, sondern viel mehr ein Sprint. Umso wichtiger wird es sein, von Beginn an voll bei der Musik dabei zu sein. Doch wer steht eigentlich wo in der Hackordnung?

Wenn nächsten Monat die Ampel nach dem Corona Lockdown am Red Bull Ring auf Grün schaltet, kommt es zum ersten Kräftemessen der Formel 1 Teams seit den Testfahrten Anfang Februar in Spanien. Damals sahen die Silberpfeile aus dem Haus Mercedes unfassbar stark aus. Ginge man nach diesen Ergebnissen, würde es wohl zu einem Durchmarsch von Lewis Hamilton und Co. kommen. „Wir wollen beide Fahrer frei drauflosfahren lassen und dann sehen, wer sich diese besondere Meisterschaft entwickelt“, kündigte Teamchef Toto Wolff an. Zudem hat Mercedes mit dem bei den Testfahrten präsentierten DAS-System (Dual Axis Steering) ein weiteres Ass im Ärmel. Das System dient dazu, während des Fahrens die sogenannte Vorspur, den Winkel, in dem die Vorderräder zueinanderstehen, zu verändern. Dadurch kann die Reifentemperatur besser kontrolliert und verhindert werden, dass sie auf den langen Geraden zu stark abkühlen, wodurch dann in den folgenden Kurven bislang der Grip fehlte. Der Automobilweltverband FIA hielt es, übrigens ebenso wie Wolff, zunächst für zu kompliziert und ließ es daher zu.

Blau und Rot als Jäger

Doch „Hausherr“ Red Bull Racing hat in Person von Max Verstappen die letzten beiden Jahre den Ring in Spielberg dominiert und geht daher zuversichtlich ins doppelte Heimspiel (Österreich GP 5.7. und Steiermark GP 12.7.). „Wir sind gut vorbereitet, haben zwei starke Piloten. Max ist eine Ausnahme-Erscheinung und mit ihm wollen wir den Titel angreifen“, so die Ansage von Red Bull Motorsportdirektor Helmut Marko. Und die (noch immer) junge niederländische Nummer 1 im Bullenstall liebt den Kurs im Aichfeld. „Ich mag diese Strecke sehr. Sie ist schnell und anspruchsvoll. Und hier zu gewinnen ist einfach großartig“, so der Rennsieger von 2018 und 2019. Der andere Herausforderer von Niki Laudas Erben in Silber ist sein ehemaliges Team Ferrari. Denn die Ambitionen der Italiener sind nach einer mauen Saison 2019 groß. Allerdings waren die Auftritte der Roten bei den Tests in Barcelona alles andere denn überzeugend. „Seit den Tests ist viel Zeit vergangen, in der alles stillgestanden ist. Wir werden sehen, wer nun am besten aus den Startlöchern kommt“, so Ferrari Teamchef Mattia Binotto, der nach der Absage an Vierfach-Champion Sebastian Vettel für die Saison 2021 besonders unter Druck steht.

McLaren, Racing Point und Alpha Tauri hungrig, Renault gebeutelt

Von den Mittelfeld-Teams konnten im Vorjahr McLaren und mit Fortlauf der Saison Racing Point überzeugen. Das „kleine Bullenteam“ Toro Rosso, das ab heuer unter dem Namen Alpha Tauri, wie die hauseigene Modemarke, firmiert, setzte ebenfalls Glanzlichter und möchte hier anknüpfen. „Wir arbeiten im dritten Jahr mit Honda zusammen und die Partnerschaft greift immer besser. Ergebnis davon ist, dass sie sowohl im Bereich Zuverlässigkeit als auch Performance große Schritte gemacht haben,“ erklärt Alpha Tauri Teamboss Franz Tost. Ein großes Fragezeichen steht hinter dem Renault Werksteam, nachdem der Mutterkonzern den Corona-bedingten Sparstift angesetzt und Toppilot Daniel Ricciardo bereits seinen Abgang angekündigt hat. Teamchef Cyril Abiteboul bestätigte, dass „die Ausgangslage sehr klar war, weil wir ohne Einführung der Budgetobergrenze keine Chance gehabt hätten, vom zweiten ins erste Glied aufzurücken. Die Konzernführung (Anm. d. Red. allen voran Interims-CEO Clotilde Delbos) hat uns klar signalisiert, dass absolut kein Interesse bestand unter solchen Rahmenbedingungen weiterhin Formel 1 zu machen. Aber durch die Budgetobergrenze und die neuen technischen Regeln ändert sich das.“ Allerdings gelten diese Änderungen erst ab 2021 (oder gar 2022 aufgrund von Corona), weswegen das Team heuer noch al Übergangsjahr sieht.

Trio als Schlusslichter

Die beiden Ferrari-befeuerten Teams Alfa Romeo Sauber und Haas F1 wollen sich um jeden Preis verbessern. Beim Traditionsrennstall Williams F1 sieht’s zappenduster aus, denn in Grove ist man dringend auf der Suche nach einem Käufer. Dank des Alfa-Investments ist für Sauber der Sprung an die Spitze des dichten Mittelfeldes durchaus realistisch. Die Fortschritte seit 2017 sprechen Bände, aber die Formschwäche der zweiten Saisonhälfte 2019 muss abgestellt werden. Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen holte im Vorjahr 43 von 57 Punkten und seine unaufgeregte, routinierte Art hat dem Team schon 2019 geholfen. Haas rechnete vor Corona schon mit dem Ausstieg zu Saisonende, doch die Budgetobergrenze für 2021 hat die Amerikaner wohl gerettet. An eine Rettung glaubt man auch im englischen Grove, wo der Traditionsrennstall Williams nach Jahren des Absturzes endgültig vor dem Aus steht. Aber Noch-Teamchefin Claire Williams glaubt daran, „dass wir schon bald einen Käufer finden“. Laut Ex-Williams-Fahrer Ralf Schumacher „müsste der alles umkrempeln, denn Claire und Sir Frank (Williams) haben jahrelang verpasst die Führung und Organisation des Rennstalls auf die moderne Formel 1 einzustellen.“

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