Muss Masi weg? Bringt das wirklich etwas?

In dieser Saison wurde die FIA oft heftig kritisiert, von den Teams, den Fahrern, den Medien, und den Fans. Oft wohl auch zurecht. Viele fordern nun ein Köpferollen, fordern den Rücktritt von Renndirektor Michael Masi, aber auch von FIA Präsident Jean Todt. Aber ist das wirklich die Lösung? Formelaustria hat sich das angesehen

Verklärtes Bild der Vergangenheit

Viele schwelgen in Nostalgie und wünschen sich „alte Zeiten“ zurück, aber erstens waren diese auch nicht wirklich besser, wenn es so eng wurde, und zweitens hat sich die Formel 1, ja die ganze Welt, weiterentwickelt, weswegen die alten Mechanismen nicht mehr greifen würden. In der „guten alten Zeit“ gab es ebenfalls zahlreiche höchst umstrittene Entscheidungen – man erinnere sich nur an die Titelkämpfte zwischen Ayrton Senna und Alain Prost als FIA Boss Jean Marie Ballestre seinen französischen Landsmann Prost völlig offen bevorzugte; oder an die vielen, vielen strittigen Verdikte für und gegen Michael Schumacher und Co. unter Roland Bruynseraede; und die wankelmütigen Beschlüsse unter dem hochgepriesenen Charlie Whiting beim Crash Schumacher – Villeneuve in Jerez 1997, beim Rennsieg von Giancarlo Fisichella in Brasilien 2003, dem Reifen-Eklat in Indianapolis 2005, und, und, und. Keiner dieser Herren war wohl besser oder schlechter als Michael Masi.

Letzte Jahre laue Lüftchen

Immer wenn vorhergehende Renndirektoren wirklich knifflige Situationen zu beurteilen hatten, sorgten sie für viel Kopfschütteln. So ging es auch Masi, der – aus seiner Sicht – das Pech hatte, in der wohl umkämpftesten Meisterschaftssaison seit langem den Schiedsrichter spielen zu müssen. Denn sowohl die „Titelduelle“ in den Jahren 2017 & 2018 zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel bzw. 2019 & 2020 zwischen Hamilton und seinem Teamkollegen Valtteri Bottas waren, im Vergleich zu heuer, laue Lüftchen. Max Verstappen, Christian Horner, und vor allem Helmut Marko waren von Beginn an keine Sympathieträger bei den Stewards, und taten auch das Ihre, um immer eine gewisse Spannung hochzuhalten. Ständig hagelte es Kritik, und auch wenn diese meist berechtigt erschien, wurde sie oft über die Medien und recht unsachlich geführt, was bei Masi & Co. nicht dafür sorgte, dass diese in ihren Entscheidungen stabiler und sicherer wurden. Die permanenten WhatsApp Nachrichten von Toto Wolff und den Seinen waren auch nicht besser. Ob es also viel Sinn macht, Masi nach dem „nicht überrunden, nein doch überrunden“ Kasperltheater abzusetzen, darf bezweifelt werden.

System nur in der Theorie gut

Grundsätzlich erscheint das gewählte System mit einem Renndirektor und einem Bord von Stewards – inklusive eines Ex-Rennfahrers – zur Entscheidungsfindung fundiert und geeignet für möglichst neutrale Verdikte. Doch das System hat in der Praxis massive Schwächen gezeigt, wenn auch nicht so dramatisch wie etwa der bisher lächerliche Umgang mit dem VAR im Fußball. Erster großer Schwachpunkt des FIA Systems ist die fehlende Konstanz in der Urteilsfindung. Einmal wird der außen Überholende abgedrängt und es gibt eine 5-Sekunden-Strafe für den innen Fahrenden, dann wieder nicht. Einmal kürzt einer die Strecke ab, verschafft sich einen klaren Vorteil, muss die Position zurückgeben, dann wieder nicht. Und so weiter. Natürlich sind die Rennsituationen individuell, die Strecken unterschiedlich, und daher auch die Beurteilungen nicht exakt gleich zu treffen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass Entscheidungen für die Mehrheit der Beteiligten nachvollziehbar und verständlich sein müssen. Jedem wird man es nie rechtmachen können, denn der Bestrafte wird nie glücklich sein. Aber das ist auch nicht das Ziel einer Bestrafung. Die zweite Schwachstelle des FIA Systems sind die Auswahl und Gewichtung der Rennfahrer. Piloten, die nie in bestimmten Situationen waren, können zwar besser darüber mutmaßen als die Schreibtischtäter der FIA, aber dennoch auch nur mutmaßen. Zudem sollte das Wort des Piloten deutlich mehr Gewicht bekommen, denn er ist der Einzige, der jemals im Auto saß, also mittendrin und nicht nur dabei war. Es scheint also empfehlenswert, zwei Piloten ins Bord zu holen, um für mehr Ausgeglichenheit und Cockpiterfahrung zu sorgen. Denn jeder der beiden Piloten im Rennen hat wohl eine gegenteilige Sicht auf die Aktion des anderen. Die beiden Ex-Fahrer im Bord könnte diese daher wohl auch abbilden, würden aber wohl in den meisten Fällen, untereinander derselben Meinung sein.

Die FIA muss sich definitiv einiges in Sachen Renndirektion und Stewards überlegen. Allerdings hilft es wohl mehr, die Prozesse bis ins Letzte zu durchdenken, als einfach nur den Renndirektor zu tauschen. Anders als ein Fußballclub, kann es sich der Automobil-Weltverband erlauben, den „Trainer“ nicht gleich zu feuern…

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