Mass: „Auf diesem Niveau Rennen zu fahren, ist ein magisches Erlebnis!“

Anlässlich der F1 Buchpräsentation von „Helden der Ringe“ war F1 Legende Jochen Mass in Wien und sprach exklusiv mit Formelaustria.at darüber wie sich die Formel 1 verändert hat, seinen vorgegebenen Weg in die Königsklasse, das erhabene Gefühl F1 Rennfahrer zu sein, den Unfall mit Gilles Villeneuve, uvm.

Herzlich Willkommen Jochen, wie gefällt es dir Wien?

Endlich mal Wien, gottseidank. Ich bin ja selten hier, aber natürlich nicht zum ersten Mal. Es ist eine wunderschöne Stadt, auch wenn ich wegen der Veranstaltung wieder nicht viel davon gesehen habe. Aber ich komm auf jeden Fall mal wieder und freu mich auf erneut schöne Gespräche.

Wir werden später viel über deine Laufbahn sprechen, aber was machst du momentan privat?

Ja gut, so privat bin ich nicht (lacht). Ich bin immer noch relativ viel engagiert mit Autos, meistens Vintage-Cars natürlich, wunderschöne Sportwagen, wunderschöne Fahrzeuge aus einer Ära, die vor meiner Zeit schon sehr spannend war. Ich kam 1946 zur Welt und erst zu Ende der 60er Jahre wirklich in den Genuss Rennen zu fahren. Ich war bei der Seefahrt, und dann saß ich irgendwo im Wald mit einer Freundin, die war Streckenposten in Eberbach und ich hörte die Autos vom Start. 1600er, die hatten schon einen richtigen Spruch. Und ich habe mich verliebt in diesen Sound, in den Geruch, in das Optische, in das Vergnügen diese Autos anzugucken. Dann dachte ich mir: „Das machst du jetzt.“ Und das ist bis heute so geblieben.

Kann man dich heute noch bei einzelnen Formel 1 Rennen antreffen?

Nein, seit ich nicht mehr fürs Fernsehen arbeite, habe ich das ad acta gelegen. Vor allem, weil du heute nichts mehr darfst. Früher warst Du als Ex-Fahrer automatisch akkreditiert. Das ist heute nicht mehr so. Da muss ich immer die Teams fragen, kann ich bei euch das Rennen angucken auf dem Monitor. Und ich will nicht in der Box stehen und das alles anschauen. Hört sich traurig an, aber es ist tatsächlich so. Es ist albern eigentlich. Früher hattest du ganz automatisch, den Status, der dir als Ex-Fahrer eigentlich gebührt.

War es denn schon immer ein Traum von dir Formel 1 Pilot zu werden?

Nein, das war nie ein Traum. Ich habe überhaupt nicht an die Rennerei gedacht, ganz ehrlich. Bis plötzlich der Moment kam und ich stieg dann „Step by Step“ immer weiter auf. Ich wusste, dass ich es kann, wusste, dass ich schnell sein würde. Du musst nur gewisse Regeln einhalten und gewisse Vorgänge verinnerlicht haben und dann geht es automatisch auch weiter. Das ist schon irgendwo ein vorgegebener Weg, den du in dir trägst. Du darfst nie daran zweifeln. Und so war das bei mir, ich wusste das es passiert.

Wie ist das Gefühl, einen Grand Prix zu fahren? Kannst du uns das vielleicht beschreiben?

Ich hatte viel Respekt vor diesen Autos. 1971 fuhr ich ja zum ersten Mal selbst Monoposti, damals Super Formula und die waren wunderbar. Ich fuhr im Rahmen des Deutschland GP am Nürburgring auf der Nordschleife und habe gewonnen. Auch als Nachwuchsfahrer hatten wir auch Zugang zum alten Fahrerlager der Formel 1. Das waren diese dunklen Boxen, mit öl-verkrusteten Böden und die Wände waren dunkel, es hingen Glühbirnen von der Decke, manche hatten eine Neonlampe irgendwo. Das war schon eine andere Welt zu der heutigen, klinisch reinen Box, wo alles makellos sauber ist. Da hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit auch in ein Formel 1 Auto reinzuschauen. Und ich guck so in den Fußraum, das kleine Amaturenbrettchen mit den wenigen Instrumenten und die Lenkung, der kurze Schalthebel. Da dachte ich mir, die Jungs haben Mut mit den Dingern zu fahren und kurz danach saß ich selber drinnen. Das waren keine Autos wie die kleinen filigranen Formel 3. Das waren echte Boliden, die sich auch anders bewegten. Du hattest insgesamt das Gefühl, dass du mit 450 PS und V8 Motor über die Strecke gleitest. Das war ein angenehmes Erleben einer neuen Welt.

Das klingt spannend. Inwiefern eine neue Welt?

Ich wurde deutscher Meister bei den Tourenwagen, Europameister mit Tourenwagen und das war alles wunderbar. Aber die Formel 1 war eine andere Dimension, die hatte was ganz Eigenes. Weißt du, wenn du nachts so im Bett lagst, dachtest du: „Du bist jetzt einer von 26 Menschen auf der Welt, die so ein Auto fahren dürfen. Sonst ist da niemand außer uns die das machen. Das war schon spannend, das sind so Sachen, die dich irgendwo tief drinnen zufrieden machen, dass du das geschafft hast – in so einer relativ kurzen Zeit ohne großen finanziellen Einsatz. Die Teams mochten mich, weil ich einfach schnell war.

Vermisst du dieses Gefühl hin und wieder?

Ich träume davon manchmal. Du fährst schweigend, in deinem Cockpit sitzend eine Gerade runter und hast Leute links und rechts auf den Tribünen und plötzlich sind der ganze Sound deines eigenen Motors und ringsum die Geräuschkulisse einfach weg. Es wird alles still, aber du fährst. Du fährst und spürst dann dieses Gefühl des Lenkrads und siehst deine Vorderräder, du weißt, da vorne kommt dann die nächste Kurve. Und du spürst die Leute auch irgendwo und auf einmal ist das Geräusch wieder da, und du bist plötzlich wieder in dieser Realität. Es ist ein magisches Erlebnis.

Der Traum eines Formel 1 Piloten ist leider auch nicht immer ein schöner. Es gibt auch die Schattenseiten, böse Unfälle und auch Tote. Auch du hattest einige Crashes, am schlimmsten wohl jener, bei dem Gilles Villeneuve starb. Wie war das für dich als Kollege und Freund?

Das war natürlich ein sehr tragischer, schwer erklärbarer Unfall. Es passierte plötzlich, weil ich das so einschätzte, und er anders. Er war irgendwann auf seine Linie fixiert und war zu schnell in dem Moment. Ich fuhr langsam, weil die Reifen schon verbraucht waren, die Qualifikationsreifen, ich hatte schon Blasen überall. Das war leider eine Fehlentscheidung von uns beiden. Als ich das sah, war das schon eine sehr dramatische und drastische Geschichte, die dir den Rennsport nicht näherbringt. Das sind so Dinge, damit rechnest du immer irgendwo, dass es auch dir passieren kann. Aber du hoffst immer, wenn was passiert, dass das Ganze im überschaubaren Bereich bleibt, dass du noch laufen kannst, dass du wieder heilst und dass du wieder weiterfahren kannst. Ich hatte sehr viel Glück bei meinen paar Unfällen, aber das mit Gilles war natürlich tragisch. Furchtbar. Ironischerweise fuhr ich noch das Rennen und genau an dieser Stelle ging mein Motor kaputt. Ich hielt da an, stieg aus, und guckte gegenüber an die Stelle, wo er gestorben war. Das sind so Sachen, wo du sagst: „Das ist ein bisschen mehr als nur ein Zufall.“ Das ist so ein Gänsehautmoment, aber es nützt dir nichts. Der Tod ist Teil des Rennsports. Die Akzeptanz lebt mit.

Hast du deswegen deine Karriere beendet?

Nein, mir fuhr im gleichen Jahr in Castellet einer zwischen die Räder und ich habe mich überschlagen, landete in den Zuschauern, brennend. Das war nicht so witzig. Ich kam nicht raus, war eingewickelt in Draht, aber gottseidank mit dem Kopf nach oben. Mir hätte es den Kopf abgerissen, wenn ich so kopfüber über die Mauer gerutscht wäre. Da war der Überrollbügel schon abgebrochen. Es war gottseidank eine Löschkanone nicht weit weg, die hat das dann abgedeckt. Das Problem ist, wenn du einen Unfall hast mit Feuer, bevor du bewusst verbrennst, erstickst du erstmal, weil du keine Luft mehr bekommst. Du wirst vorher ohnmächtig, also das Verbrennen selbst erlebst du nicht. Und in dem Moment dachte ich, es wird jetzt eng, aber es kommt keine Angst auf. Das ist so ein kaltes Realisieren. Vorher während ich da so durch die Luft flog und mich dauernd drehte, da tauchten Bilder auf von deinen Kindern und von dem und von jenem, das sind sehr angenehme Gedanken und ganz zeitlupenmäßig läuft alles ab. Und du denkst dir: „Vielleicht wäre es besser, wenn du jetzt aufhörst.“ Mein Helm war kaputt bis zum Kopf, also ich habe viele Schläge abbekommen, aber ich hatte nichts Ernstes. Einen leichten Schmerz in der Schulter, das war alles. Aber da dachte ich mir: „Jetzt reichts, jetzt brauchst du das nicht mehr machen“, weil, das Team war auch nicht gut.

Glücklicherweise hattest du deutlich mehr Siege als Unfalle. Wo hast du deine Pokale zuhause stehen?

Ich habe die meisten für einen guten Zweck versteigert, weil die muss man sonst dauernd pflegen. Ein paar schöne habe ich noch, aber nur solche die für mich auch einen anderen Wert haben. Ich habe‘ mal so einen riesigen Pokal gewonnen, der natürlich in keinen Koffer passt. Den trug ich immer in der Hand mit und als ich ihn am Flughafen den neben mich gestellt habe, kam einer, steckte sich eine Zigarette an, warf sein Streichholz da rein. Und immer, wenn er zu viel Asche hatte, schnippte er sie in meinen Pokal. Irgendwann habe ich dann gesagt: „Entschuldigung, das ist mein Pokal.“ Und er sagt: „Sieht aber aus wie ein Aschenbecher.“ Habe ich gesagt: „Vielen Dank, ist aber trotzdem meine Trophäe, also tun Sie ihre Asche wo anders hin.“ Nein, ich habe auch ein paar sehr schöne, zum Beispiel ein Glasauto vom Sieg in Le Mans 1989 von einem Freund, der Bildhauer ist und tolle Sachen macht.

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