Ab dieser Saison postet Nico Hülkenberg auf der Business-Plattform LinkedIn regelmäßig Beiträge zu aktuellen F1 Themen. Da nicht alle Formelaustria Leser Zugang zu dieser Plattform haben, präsentieren wir „Hülk“s Postings auf unserer Website
Die F1-Saison 2021 endete mit einem echten Knall. Selten hat es nach einem Rennen ein solches Medienecho gegeben, bei dem Sportfans auf der ganzen Welt über die umstrittene historische letzte Runde in Abu Dhabi diskutierten. Das Vorgehen des Rennleiters wurde diskutiert und hinterfragt. Am Ende war es eine Entscheidung, die sich nachträglich einfach nicht mehr ändern lässt, und die auch in anderen Sportarten wie im Fußball vorkommt. Das Besondere hierbei war, dass es vielleicht noch nie eine Regelauslegung der Rennleitung in der Formel 1 gegeben hat, die einen so enormen Einfluss auf den Ausgang der Fahrer-Weltmeisterschaft hatte. Was definitiv in Erinnerung bleibt, ist die enorme weltweite Medienpräsenz der Rennserie, die neben Max Verstappen sicherlich der große Gewinner war. Dieses mitreißende Finale war meiner Meinung nach kein Zufall, sondern die Summe mehrerer Teile, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Die F1 ist auf dem Weg, wieder richtig sexy zu sein. Versuch einer Hintergrundanalyse.
#1 Das Produkt „Formel Eins“ ist wieder viel unterhaltsamer geworden
Seien wir ehrlich, vor ein paar Jahren war die F1 auf dem Rückzug. Auf der Strecke herrschte relativ wenig Aufregung, die Sponsoren orientierten sich neu, die TV-Zahlen gingen zurück und generell war das Produkt nicht mehr so stark wie in den großen Tagen von Prost, Senna oder Schumacher. Seit der Übernahme durch Liberty Media Jahr 2016 hat sich jedoch einiges geändert. Die Amerikaner sind einfach Experten in Sachen Entertainment und wissen genau, an welchen Hebeln sie umlegen müssen. Sie haben nichts unversucht gelassen, der Serie einen neuen, viel frischeren Look verpasst, die Sendungen überarbeitet und ganz neue Produkte wie F1 TV oder die wirklich informative F1 App geschaffen. Im Laufe der Jahre haben sie den Glamour- und Starfaktor wiedererlangt, der die F1 schon immer zu etwas Besonderem gemacht hat. Zudem wurden die richtigen Experten in die Geschäftsführung geholt und das sportliche Reglement sukzessive überarbeitet, was letztlich dazu führte, dass das Feld wieder deutlich enger zusammenrückte und mehr Spannung versprach. So ist Mercedes zum ersten Mal in der Hybrid-Ära seit 2014 kein Weltmeistertitel mehr gelungen. 2021 standen sechs verschiedene GP-Sieger und 13 verschiedene Fahrer am Podium. Zu diesem Zweck haben sie offensichtlich der Unterhaltung halber die Auslegung des Reglements angepasst. Die rote Flagge kurz vor Schluss in Baku ist ein Paradebeispiel. Das hat das ganze Rennen auf den Kopf gestellt, ein Safety-Car durch die Boxengasse hätte wahrscheinlich gereicht. Generell gab es in der Formel 1 nicht annähernd so viele Neustarts wie in der jüngeren Vergangenheit. Sicherlich der spannendste Moment, der bei Fahrern und Zuschauern für höchste Adrenalinspiegel sorgt und brisante Situationen garantiert. Darüber hinaus ist es offensichtlich, dass die F1 auf spektakuläre Strecken setzt und Änderungen an bestehenden Kursen forciert werden. Zum Beispiel Zandvoort mit seinen Steilkurven und dem Festivalcharakter auf den Tribünen, die signifikanten Umbauten in Abu Dhabi – vom Langweiler zum Kracher – der verrückte Stadtkurs von Jeddah oder das künftige Mega-Highlight in Miami. Sicher spielt der Geldfaktor überall eine große Rolle, aber die Show leidet darunter nicht – ganz im Gegenteil.
#2 F1 und Netflix verbinden sich für „Drive to Survive“ zur Erschließung völlig neuer Zielgruppen und Märkte
Meiner Meinung nach war es ein äußerst kluger Schachzug der Formel 1 und von Liberty Media, Licht ins Dunkel zu bringen und anders als in den vergangenen Jahrzehnten der Öffentlichkeit zu zeigen, was sich hinter den Kulissen abspielt. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Produktion der allerersten Staffel von Drive to Survive. „Netflix in der Formel 1? Was machen die hier?“ Bei unseren ersten Begegnungen mit den Kamerateams war uns Fahrern noch nicht ganz klar, was sie im Fahrerlager wollen und vor allem, was am Ende daraus wird. Nach anfänglicher Skepsis stimmte ich jedoch zu, öfter gefilmt zu werden. Und im Nachhinein bereue ich nichts. Mithilfe der Doku haben viele Fans, vor allem neue, erst verstanden, was die Faszination dieses Sports ausmacht, wie viel Politik dahintersteckt, welche Anstrengungen die Teams unternehmen, und was für ein Hochleistungszirkus die F1 ist. Die Macher der Dokumentation haben eine gute Balance zwischen Hollywood und Realität gefunden. Sicher ist nicht alles so, wie es dargestellt wird, aber es ist sehr unterhaltsam und jederzeit und weltweit in den 27 wichtigsten Märkten verfügbar. Die Serie war vor allem in den USA ein großer Erfolg. An keinem Rennwochenende zuvor habe ich so viele Selfies mit Fans gemacht und so viele Autogramme gegeben wie 2021 in Austin, obwohl ich derzeit gar nicht fahre. Die Fans erkannten mich an meinen zwei längeren Episoden in den ersten beiden Staffeln. Ein paar nackte Zahlen, die den Erfolg unterstreichen: Vor Drive to Survive waren 2018 rund 264.000 Zuschauer in Austin, 2021 waren es über 400.000. 70% von ihnen waren zum ersten Mal bei einem F1-Rennen. Im Monat nach der Veröffentlichung der Drive to Survive-Staffel gewann der F1-Instagram-Kanal rund 500.000 neue Follower und auch die Fahrerkanäle erlebten einen enormen Schub.
#3 Die neue Budgetobergrenze in der Formel 1
Formel-1-Rennen der vergangenen zehn Jahre waren für die Zuschauer oft von Langeweile und vorhersehbaren Ergebnissen geprägt. Die großen Teams gaben immer größere Summen aus, um den Entwicklungsprozess massiv voranzutreiben. Kleinere Teams konnten nicht mithalten, sodass logischerweise ein großer Leistungsunterschied entstand. Um dem entgegenzuwirken, wurde in einem umfangreichen Prozess eine Budgetobergrenze entwickelt, die seit 2021 gilt und die Kosten pro Team auf 145 Millionen US-Dollar (ohne die drei teuersten Mitarbeiter) begrenzt. Das Ziel war mehr Chancengleichheit für alle und damit ein engeres Feld, mehr Kämpfe und natürlich mehr Unterhaltung. Es wird interessant sein zu sehen, wie eng die Teams ab diesem Jahr beisammen sind. Auch auf der geschäftlichen Seite hat die Budgetobergrenze entscheidenden Einfluss. Früher war es fast undenkbar und nicht wirklich relevant, ob ein Team profitabel ist. Es wurde von Marken und Herstellern gerne als „Marketingausgabe“ angesehen. Mit dem Budget Cap besteht nun für einige Teams eine realistische Chance, „gesund“ und profitabel zu arbeiten, was für Investoren und Partner sehr spannend wird. Wichtig zu ergänzen ist die Regelung, dass jedes neue Team eine „Antrittsgebühr“ von satten 200 Millionen Dollar zahlen muss. Ein Umstand, der sich sicherlich sehr positiv auf den Wert der derzeit zehn Teams auswirken wird.
#4 Nachhaltigkeit in der Formel 1
Die Formel 1 und ihre Entscheidungsträger wissen genau, dass sie die Welt nicht sauberer machen. Sie haben jedoch verstanden, dass sie sich den aktuellen Zeiten anpassen müssen und arbeiten offensichtlich an einer möglichst nachhaltigen Rennserie. Für potenzielle Fans spielt das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt eine immer wichtigere Rolle und auch Sponsoren achten bei ihrem Engagement verstärkt auf diesen Faktor. Als eine von vielen Maßnahmen wird es ab der Saison 2026 Antriebe geben, die mit synthetisch hergestelltem Kraftstoff betrieben werden. Um die Lücke bis dahin zu überbrücken, wird zunehmend E10-Biokraftstoff eingesetzt. Zudem wird der elektrisch angetriebene Teil der Aggregate im Laufe der Jahre immer effizienter und liefert wichtige Informationen für Straßenfahrzeuge. Letzte Saison durften die Zuschauer beim Grand Prix in Zandvoort am Rennwochenende nicht mit dem Auto anreisen und kamen mit Fahrrad oder Bahn. Insgesamt ist es sicherlich kein Zufall, dass sich ein Hersteller wie Mercedes aus der vermeintlich nachhaltigen Formel E zurückzieht, um sich voll auf die F1 zu konzentrieren, und auch Volkswagen mit seinen Sportmarken Audi und Porsche einen Einstieg 2026 intensiv prüft Uns Fahrern waren die kreischenden V10er oder V8er von gestern wegen ihres legendären Sounds lieber, aber ich bin mir sicher, dass die Entscheider in Sachen Nachhaltigkeit in die richtige Richtung arbeiten und dadurch nicht den Unterhaltungswert der Rennserie beeinträchtigen. Die F1 zieht mich nach wie vor voll in ihren Bann und ich freue mich jetzt schon auf die ersten Tests der neuen F1-Autos. Ich werde beim Aston Martin Aramco Cognizant F1-Team als „Super Sub“ bleiben!
Over & Out, Hulk
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