Eau Rouge: Der Tanz auf der Rasierklinge

Die Eau Rouge in Spa-Francorchamps ist die berüchtigtste Kurve der Motorsport-Welt. Zusammen mit der nachfolgenden Raidillon gilt sie als schwierigste Kurvenkombination der Formel 1. Der Name Eau Rouge stammt von einem kleinen Fluss, dessen eisenhaltiges Wasser rötlich gefärbt ist

Unglaubliche Rampe

Auf der Streckenskizze ist der Abschnitt nicht weiter auffällig, aber die Schwierigkeit dieser Kurve liegt in der Art der Einbettung ins Gelände: Nach dem Start biegen die Boliden um die La Source Haarnadel, ehe sie die abschüssige Gerade führt mit einem leichten Linksknick in die Senke von Eau Rouge rasen. Darauf folgt ein weiter Rechtsbogen mit einer Steigung von knapp 18 % den Berg hinauf. Formel-1-Wagen erreichen hier eine Geschwindigkeit von über 300 km/h, wodurch besonders am Kurveneingang Fliehkräfte von über 5g entstehen. Die Reifen und Stoßdämpfer werden extrem zusammengedrückt und der Fahrer in seinen Sitz gepresst, das Auto beginnt heftig zu Untersteuern und wird schwer kontrollierbar. Gute zehn Sekunden dauert der Tanz auf der Rasierklinge mit einem F1-Rennwagen und stimmt das Set-up nicht oder unterläuft dem Gasfuß ein Fehler, ist der Abflug vorprogrammiert. Die Belastung liegt im Grenzbereich und so mancher Pilot fühlt sich wie ein Astronaut. In Spa verschmilzt die Technik mit den Naturgesetzen und nur die Besten gewinnen hier. Ausnahmekönner, die ihren Wagen perfekt abstimmen, die richtigen Gummis aufgezogen und mit den unterschiedlichen Temperaturen des Asphalts oder dem immer zu erwartenden Regen zurechtkommen, stehen in der Siegerliste. Seit 1985 holten Senna, Mansell, Prost, Hill, Häkkinen, Coulthard, Schumacher, Räikkönen, Massa, Hamilton, Button, Ricciardo und Rosberg den Rennsieg -alles Weltmeister oder Vizechampions bis auf Ricciardo.

Old School macht Spass

Aufgrund dieser besonderen Eigenschaften galt die Eau Rouge von jeher als Mutkurve. Die Kurve mit Vollgas zu durchfahren war immer mit einigem Risiko verbunden und oft wegen der enormen Fliehkräfte gar nicht möglich. Durch zahlreiche Modifikationen des Streckenabschnitts ist es heute kein wirkliches Problem mehr mit einem modernen Formel-1-Boliden mit Vollgas durchzufahren, doch in der Renngeschichte ereigneten sich in der Eau Rouge viele schwere Unfälle. Bernd Schneider, Jacques Villeneuve, Alex Zanardi, Ricardo Zonta, Kevin Magnussen, Jolyon Palmer, uvm.  – die Liste der gecrashten Piloten ist endlos. Glimpflicher kam Sebastian Vettel davon, der sich 2006 bei einem Rennen der World Series by Renault den Finger brach. Vielleicht aber erfreut sich Spa gerade deshalb so großer Beliebtheit unter den Fahrern, weil der Kurs nicht mit anderen, modernen und nach allen Sicherheitskriterien auf dem Reißbrett neu entworfenen Strecken vergleichbar ist. Auch Lokalmatador Thierry Boutsen, dreifacher GP-Sieger für Williams, denkt mit Ehrfurcht an die Eau Rouge: „Sie ist die beeindruckendste Kurve im Motorsport. Als ich 1998 für Benetton unterwegs war, tastete ich mich im Training heran und war dann stolz sie als Erster im fünften Gang voll genommen zu haben. Das versuchte ich dann jede Runde, doch plötzlich berührte ich im Scheitelpunkt die Curbs. Mein Wagen hob mit beiden Vorderrädern ab und ich flog in Richtung Tribüne. Im letzten Moment ging ich vom Gas und bekam die Kurve noch irgendwie. Danach brauchte ich eine halbe Runde um mich vom Schock zu erholen. Aber die nächste ging wieder voll.“

Bellofs Todessturz

Am meisten in Erinnerung ist wohl der tödliche Unfall des deutschen Rennfahrertalents Stefan Bellof 1985. Die Bilder des zu einem Klumpen Metall zusammengefalteten Porsche 962 sind einem heute noch präsent. Ein Unfall der unter diesen Umständen nicht zu überleben war. Die Gruppe C Wagen von 1985 waren fast so schnell wie die Formel 1, aber nur halb so sicher. Im Dach über dem Kopf war keine Spur von Kohlefaser, die Chassis der Porsche 962 wurden noch aus Aluminium gedengelt. Zudem war das Sicherheitsrisiko auf der in die Jahre gekommenen Strecke äußerst hoch, denn hinter 30 Zentimeter Knautschzone, stand eine kniehohe Leitplanke, die das gemauerte Fundament der Tribüne abschirmte. Bellof galt als Rennsport-Wunderkind und hatte sich mit dem dritten Platz 1984 beim GP Monaco im lahmen Tyrrell ganz oben auf die Wunschzettel von Ferrari und McLaren gehievt. Bei den Sportwagen war der Deutsche amtierender Weltmeister und so mancher aus der alten Garde fühlte sich durch den forschen Auftritt des damals 27-Jährigen gekränkt. Jacky Ickx zählte dazu und bewies im Duell gegen den Shooting Star in seinem Wohnzimmer Spa besondere Härte. Der sechsfache Le Mans-Sieger wolte sich nicht vor seinen Fans vorführen lassen. Die beiden kämpften verbissen Kopf-an-Kopf über drei Runden, und jeder ahnte, dass der Zweikampf in einem Unfall enden würde. Als Bellof und Ickx Seite an Seite auf die Eau Rouge zuschossen, wollte keiner nachgeben, so wie 1970 Jo Siffert und Pedro Rodriguez, die bei ihrer Gratwanderung am gleichen Ort scheiterten. Ickx hatte Glück, denn sein Porsche flog rückwärts und krachte 30 Meter weiter oben am Berg in die Planken. Bellof hingegen traf die Streckenbegrenzung nach einer Pirouette frontal und war erst 23 Minuten nach dem Aufprall aus dem Wrack befreit worden. Er starb nur kurze Zeit später im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. „Stefans Manöver war glatter Selbstmord. Ich habe es nur knallen gehört, dann flog Bellofs Porsche an mir vorbei und krachte mit voller Wucht in die Leitplanke“, erinnert sich Ickx. „Zwanzig Meter weiter vorne hätte er mich locker überholen können. Meine Benzinreserven waren am Ende und ich musste verhaltener fahren.“ Der Belgier kam mit heftigen Nackenschmerzen und einem gequetschten Finger davon.

Aus der Sicht des Piloten

Jacques Villeneuve, F1-Weltmeister 1997 :„Spa ist eine unglaubliche Strecke. Ich habe viele Erinnerungen daran, vor allem von abenteuerlichen Momenten. Spa ist sicher eine Mutstrecke, wo Du als Fahrer den Unterschied machen kannst, wenn Du mit Vollgas um die Ecken fährst. Die Runde dort ist sehr lange und der Vollgasanteil sehr hoch. Und dann gibt es da ja noch Eau Rouge. Sie ist die aufregendste Kurve der modernen Formel 1. Du bretterst nach La Source voll in die Senke zu Eau Rouge hinunter und das Adrenalin sammelt sich an. Du siehst diese Wand immer näherkommen. Zuerst macht es diesen kurzen Schlenker nach links, dann schlägst Du heftig nach rechts ein und es geht rasend schnell nach oben. Die G-Kräften reissen und zerren an Dir und der Wagen schlägt mehrfach auf, wird geradezu auf die Piste gequetscht. Du rast nur nach oben und hast keine Ahnung, wie und wo Du wieder rauskommst. Du lenkst praktisch blind nach rechts und dann nach links ein und hoffst, dass es dort weitergeht. Der Wagen wird unglaublich leicht, Du fühlst Dich wie auf einer Welle, auf der Du surfst. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Ich bin dort schon zweimal ganz böse abgeflogen, aber irgendwie war auch das cool. Du musst in Eau Rouge Deinen inneren Schweinehund überwinden und Vollgas durchfahren. Dann kannst Du stolz auf Dich sein…”

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