Der Marlboro-Mann

29125504,30402784,highRes,01SO-K31_71-77037282_oriSeit Maurizio Arrivabene das Ruder bei Ferrari übernommen hat, konnte die Scuderia die Kluft zu den dominieren Mercedes stark verringern. Was ist sein Geheimnis?

Wenige Wochen bevor Marco Mattiacci gefeuert wurde, gab es keine sichtbaren Anzeichen für eine Entlassung des Teamchefs der Scuderia. Ursprünglich wollte FIAT Boss Sergio Marchionne der geplanten, massiven Umstrukturierung die benötigte Zeit geben. Daher kam die Ablösung von Teamchef Mattiacci nach nur acht Monaten durch Maurizio Arrivabene wie ein Schock für das Fahrerlager. Insbesondere weil Mattiacci die richtigen Veränderungen vorzunehmen schien, wie etwa die Vertragsauflösung von Fernando Alonso, das Engagement von technischem Schlüssel-Personal wie James Allison, und natürlich Sebastian Vettel nach Maranello zu holen. Ferrari hat einen Hang zu exzentrischen Teamchefs – von Gründer Enzo Ferrari oder Luca di Montezemolo bis zu Jean Todt. Alle waren umstritten, aber auch erfolgreich, anders als der höchst sympathische, aber scheinbar zu weiche Stefano Domenicali oder Mattiacci, der in Italien von Beginn an als der Aufgabe nicht gewachsen galt.

Die richtige Person

Daher suchte Marchionne einen charismatischen Mann mit mehr Hintergrundwissen über die Formel-1-Politik und fand Arrivabene. Eigentlich war ihn zu „finden“ gar nicht so einfach. „Ich rief ihn an und er fuhr gerade auf der Autobahn nach Hause in die Schweiz. Da er meine Nummer nicht kannte, hob er gar nicht ab. Also habe ich es ein zweites Mal im Laufe des Tages versucht und dann klappte es“, lacht der FIAT-Chef heute. Der ehemalige Philip Morris Motorsport-Manager Arrivabene ist seit langem mit F1-Zampano Bernie Ecclestone auf Du und Du, und hat jahrelang in der F1-Kommission gesessen. Der 57-Jährige ist sich bewusst, wie der Sport funktioniert und kennt die besten Möglichkeiten Ferrari nach vorne zu bringen, anders als Mattiacci, der die meiste Zeit seiner Ferrari-Jahre abseits der Rennstrecke verbrachte, sich stattdessen um die Verkaufszahlen in Asien und den USA kümmerte. So schien es auch logisch, dass Marchionne seine Entscheidung, den Teamchef vor der F1-Saison 2015 zu wechseln, nicht mit „mit schlechten Ergebnissen“ begründete, sondern sagte, dass er sicherstellen wolle, „dass Ferrari seine einflussreiche Position in der Formel 1 behauptet. Maurizio bringt eine einzigartige Kombination von Erfahrungen mit. Er verfügt über ein umfassendes Verständnis der Mechanismen und Anforderungen des Sports, des Wettbewerbs und der Herausforderungen auf der Rennstrecke. Er ist auch eine ständige Quelle von innovativen Ideen für die Wiederbelebung der F1. In Maurizio sehe ich die Qualitäten eines Menschen, der durch sein starkes persönliches Beispiel, seine Professionalität und die Integrität seiner Entscheidungen führt.“ Dieser Ritterschlag durch Marchionne ist schön für Arrivabene, zeigt aber auch, wie hoch die Erwartungen in ihn sind – eine Tatsache, derer sich der F1-Insider bewusst ist: „Die Arbeit in der Formel 1, und vor allem für Ferrari, bedeutet immer eine Menge Druck. Es ist ein Multi-Millionen-Dollar-Business und alle Beteiligten wollen sofort Ergebnisse sehen.“ Doch die schwierigste Aufgabe für den Neo-Teamchef, dessen rauhes Aussehen mehr an eine Reinkarnation des berühmten Italo-Western-Protagonisten Django erinnert, war nicht sich mit Marchionne zu einigen, „sondern mit meiner Frau Steffi. Ich hatte sie nicht zuerst gefragt, und als ich es ihr sagte, war sie wütend und knallte den Hörer drauf. Aber inzwischen passt alles.“

b037c59e43d2490f808c3afaefc95912Enormer Druck

Nach der Arbeit im Marketing in seiner Heimat Italien, aber auch im Ausland, trat Arrivabene Philip Morris bei, wo er sich bis 2007 zum Vice President of Marlboro Global Communication & Promotions empor arbeitete. Neben seiner Funktion beim in Lausanne ansässigen Tabakriesen, saß er seit 2010 in der F1 Kommission, stellvertretend für alle Sponsoren in der Formel 1, und ist seit 2012 unabhängiges Vorstandsmitglied bei Juventus Turin. Im Wissen um seine Verantwortung verschwendete der Italiener keine Zeit seine Netze auszuwerfen und es war daher auch keine Überraschung, F1 Boss Ecclestone als Gast von Marlboro beim Ferrari Skitag in Madonna di Campiglio zu sehen. Beim Firmenweihnachtsessen trat Arrivabene ohne Anzug und Krawatte in einem leuchtend orangefarbenen Pullover und Jeans sowie seinen obligatorischen Turnschuhen auf. „Er will, dass jeder in Maranello weiß, dass er einer von ihnen ist. Es scheint als wäre er nahe an jedem dran, als hätte er immer ein Ohr für die Probleme der Mitarbeiter und gibt ihnen einen Klaps auf die Schulter, wenn nötig. Er hält das Team zusammen und motiviert es“ so der ehemalige F1-Fahrer und TV-Experte Marc Surer. Es gibt 60 neue Mitarbeiter im Ferrari-F1-Team und Arrivabene war in der Lage, in der kürzest möglichen Zeit daraus eine Einheit zu formen. „Nach ihrem Triumph in Malaysia schickte er Chefmechaniker Diego Ioverno auf das Podium statt selbst die Trophäe in Empfang zu nehmen. „Unsere Jungs haben wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert. Sie hatten es verdient zu feiern, also ging einer von ihnen zur Siegerehrung. Die Emotionen, die ich fühlte, nachdem Sebastian die Linie auf P1 überquerte, waren für ihn, für das Team, und für Ferrari.“ Der erklärte Juventus Fan ist inzwischen auch ein Tifoso der Scuderia und jetzt bringt er all seine Leidenschaft ein und macht sie zu jener des Teams. Allerdings bedeutet dies auch zu kritisieren, wenn notwendig. „Kimi (Räikkönen) hat ein Problem und das heißt Qualifying. In den Rennen hat er absolut die Pace von Seb, aber er muss sich am Samstag verbessern. Wäre er ein Schulkind, ließe ich ihn hundertmal an die Tafel schreiben „Ich muss besser im Qualifying sein.“ Und der „Iceman“ ist ganz und gar nicht beleidigt über die direkte Art seines neuen Chefs – ganz im Gegenteil. „Ich mag seine Art, über Dinge zu sprechen. Er gibt dir eine klare Antwort. Es ist entweder ja oder nein, nichts Nebulöses, keine leeren Floskeln. Maurizio ist genau der Typ, den Ferrari benötigt. Er arbeitet hart und ist immer fair zu Dir. Aber wenn er über etwas unglücklich ist, kommt er zu Dir und sagt es Dir direkt ins Gesicht. Es gibt keine geheime Teampolitik. Wenn es ein Problem gibt, setzen wir uns zusammen, auch mit Sebastian, und reden es aus.“

9b3aa4afefebde771443d639178a8bdaSchnell Aufholen

Auf sportlicher Ebene hat Arrivabene wirklich „einen gute Einstand“ genossen, was eine nahezu wörtliche Übersetzung seines Namens ist. Die roten Renner sind sehr viel stärker als in der Vorsaison. Nicht nur hat die neue Nummer 1 des Teams, der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel, den Großen Preis von Malaysia – sein erst zweites Rennen für die Scuderia – gewonnen und vier weitere Podestplätze eingefahren, sondern Ferrari ist in der Hackordnung der Teams auch an Red Bull Racing und Williams F1 als Hauptgegner der dominierenden Mercedes vorbeigezogen. Auch wenn die meisten allzu schnell vergessen, dass viel vom Boost in Sachen Know-how und Fahrer im Team Mattiaccis Erbe ist, so war die zentrale Errungenschaft Arrivabenes die perfekte Mischung aus diesem Wissenspool und einer hemdsärmeligen Arbeitsmoral mit ausgelebten positiven Emotionen und italienischem Temperament zu schaffen. „Maurizio wird uns den Geist bringen, der nur von einer Gruppe von Menschen kommen kann, die fest an ein Projekt glaubt und bereit ist, für dieses Ziel Opfer zu bringen“ hatte Marchionne vorausgesagt, und er hatte recht. Wenn Vettel einen Gegner überholt, jubelt die ganze Boxencrew, wenn ein Boxenstopp gut geht, ballt Arrivabene die Faust, und als Vettel in Sepang gewann, war Marchionne der Erste, der gratulierte. „Ferrari ist wieder ein Team, vom Maschinenschlosser in Maranello bis zum Fahrer im Cockpit“ sagt der ehemalige Ferrari-Star Gerhard Berger, der erwartet, dass Ferrari die Silberpfeile in naher Zukunft noch weiter ärgern wird. „Sie scheinen jetzt in die richtige Richtung zu arbeiten und Sebastian ist ein Fahrer, der weiß, wie man ein Team pusht. Kimi ist noch immer ein ausgezeichneter Fahrer, weswegen weitere Siege folgen können.“ Arrivabene selbst ist „zufrieden mit dem Team und der schnellen Trendwende“, aber auch wenn Vettel glaubt, immer noch in der Titeljagd zu sein („Ich bin immer noch im WM-Kampf. Wir sind in der Lage, unser Auto zu verbessern“), ist sein Chef nicht der Meinung, dass sein Team Mercedes heuer wirklich fordern kann. „Der WM-Kampf kommt für uns ein bisschen zu früh. Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, dass es für drei Siege reicht und ich glaube, das ist machbar. Aber es gibt nichts geschenkt. Ohne harte Arbeit werden wir nichts erreichen, und das ist, was wir zu tun haben. Mir ist egal wie viele Podiumsplätze wir haben. Was mich interessiert, ist der Abstand zu Mercedes und die Zeiten sagen uns, dass die neuen Lösungen sind gut.“

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