Mark Webber ist nicht nur eine „coole Socke“, sondern auch einer der erfolgreichsten australischen Formel 1 Piloten. Der ehemalige Teamkollege von Sebastian Vettel und Christian Klien ist heute beim Fernsehen und kümmert sich um Jungtalent Oscar Piastri
Wie bist Du zum Motorsport gekommen?
Mein Vater war ein großer Fan davon, schaute immer Sir Jack Brabham, Jimmy Clark und Stirling Moss im Fernsehen zu. Er liebte die Tasman-Series und die Piloten, die nach Warwick Farm und Longford kamen. Dann trampte er zu einigen Rennen, um sie zu sehen. Das war für mich als Teenager ein großer Anstoß. Ich habe mir viele Grands Prix angesehen. Mein erster war 1984 der Grand Prix von Monaco, als Ayrton Senna im Toleman glänzte und Nigel Mansell in Führung lag. Das ist mir in lebhafter Erinnerung. Ich begann dann mit den Bikes seines Freundes, der Yamaha-Händler war, zu fahren. Mein Kumpel Matthew Hinton hatte ein Kart und lud mich auf die Strecke ein. Die Go-Kart-Strecke war fünf Kilometer von Papas Werkstatt entfernt, was eine große Hilfe war. Ich bin dort den Start gegangen und von da an ging es weiter. Ich habe mit 13 angefangen, was ziemlich spät war.
Wann warst Du das erste Mal bei einem Autorennen?
Das war 1991 in Adelaide. Schon die Anreise war eine 14-stündige Fahrt. Ich war total aufgeregt und kletterte ganz hoch in die Bäume.
Wie schwer war es 1995 in Großbritannien in der Formel Ford zu fahren?
Ann (seine jetzige Frau) wollte in Großbritannien arbeiten, also kamen wir her. Ich wollte es unbedingt ausprobieren, aber es musste klappen, denn der Weg zurück nach Australien als geprügelter Hund ist weit. (lacht) Manche Jungs gehen vielleicht nach Hause zurück und fahren dann Tourenwagen. Ich hatte nie einen Rückflug gebucht. Ich hatte mir vorgenommen, hier etwas zum Laufen zu bringen. Es war manchmal hart, aber ich musste meine Chancen nutzen. Es gab ‚Experten‘ zu Hause in Australien, die dachten, ich würde in ein paar Wochen wieder zu Hause sein, aber das hat mich nur angespornt.
Vor 25 Jahren ging Deine Karriere mit dem Sieg beim Formula Ford Festival 1996 in Brands Hatch so richtig los…
Es war brillanter Old-School-Rennsport. Sehr, sehr wenig Telemetrie, keine Simulatoren, du gehst einfach raus und lernst die Strecke, lernst, was du gut kannst, und worin du schwach bist. Die Formel Ford ist eine tolle Kategorie. Die Autos waren schnell und im Qualifying war es eine Windschattenschlacht. Das war alles unglaublich. Das Getriebe brauchte viel Liebe und die Wagen waren schwer zu kontrollieren. Vor allem bei Nässe musste man sehr vorsichtig sein und darauf achten, dass man beim Bremsen nicht die Hinterräder blockiert. Aber es war großartig.
War das Rennfahren in Großbritannien anders als noch in Australien?
Auf jeden Fall. Es war vor allem die Dichte des Wettbewerbs. Normalerweise stehst Du einer nationalen Meisterschaft mit ein oder zwei Zehntel Rückstand immer noch in der ersten Reihe. Aber beim Formel-Ford-Festival stehst Du in der dritten oder vierten. Es war sehr intensiv und das Level war sehr hoch.
Gab es Momente, in denen Du dachtest, alles sei vorbei?
Nach meinem Sieg beim Formel Ford Festival 1996 hatte ich Mühe, das Budget für die Formel 3 aufzustellen. Das war wirklich hart – die Weihnachts- und Neujahrszeit. Aus Alters- und Finanzperspektive hatten wir keine Zeit, um Formel Renault oder Formel Vauxhall Lotus zu fahren. Wir mussten direkt in die Formel 3. Ich habe als Rookie das vierte Rennen in Brands Hatch gewonnen, und dann ist Mercedes eingesprungen und hat mir wirklich den Arsch gerettet (lacht).
Hast Du erwartet, dass Du bei Deinem Formel 1 Debüt gleich Fünfter werden könntest?
Definitiv nicht! Ich wusste, dass es ein großer Zufall war und der größte Teil des Feldes nicht die Zielflagge gesehen hatte. Es war viel los, es war ein langes Rennen, und ich habe wegen meiner Größe nicht richtig ins Auto gepasst. Es war eine Folter, aber ich wollte unbedingt ankommen. Es war ein volles Haus mit mehr als 100.000 Fans und die Atmosphäre war großartig.
Du hast Dich auch später immer auf Stadtkursen hervorragend geschlagen – warum?
Das ist schon komisch. Ich habe mich nie von den Betonmauern und Leitplanken einschüchtern lassen. Für mich standen wahrscheinlich nicht genug Stadtkurse im Kalender. (lacht) Es ist paradox, denn ich war eigentlich nie so gut in langsamen Kurven. Es gibt viele Fahrer, die Stadtkurse hassen, weil sie sich Sorgen um die nötige Präzision machen. Als ich in Bestform war, konnte ich die Barrieren ausblenden und einfach zwischen den weißen Linien fahren.
Warum hat es nicht schon bei Jaguar 2003 oder 2004 geklappt? Ford hatte das nötige Geld..
Wahrscheinlich lag es an der Aerodynamik. Wir hatten ein gutes Budget, aber es ging hauptsächlich ums Auto. Auf einer Runde war es außergewöhnlich, aber es hat die Reifen zerstört. Es gab dir viel Selbstvertrauen, als du mit frischen Reifen anfingst, aber während des Stints war der Grip einfach schrecklich. Der Jag war auf der Geraden großartig, aber er raubte den Reifen viel Energie.
Und danach bei Williams?
Das war der schlimmste Moment, den ich hatte, als ich 2005 bei Williams unterschrieb. Ich fuhr Juan Pablo Montoyas Siegerauto von Brasilien, den FW26, aus dem Vorjahr, Ende 2004 in Barcelona. Das Auto war so einfach zu fahren, es hatte keinen Reifenverschleiß, es hatte eine Rakete von Motor, es war eines der besten F1-Autos, die ich je gefahren bin. Dann hatten wir eine paar kleine Änderung im Reglement mit dem Diffusor und den Aeroregeln, und der FW27 war dann einfach nur schrecklich. Wir wussten das. Nach dem ersten Test mit dem neuen Wagen rief ich meinen Vater von der Rückseite der Garage aus an und sagte ihm, wir würden mit diesem Auto in der Scheiße stecken.
Mit welchen Teamkollegen kamst Du nicht zurecht und mit wem wärst Du gerne gefahren?
Ich hatte viele gute Stallgefährten und hasste keinen, um ehrlich zu sein. Mit Nico Rosberg und Nick Heidfeld, beide bei Williams, hatte ich einfach keinen Draht. Am liebsten wäre ich mit Rubens Barrichello gefahren, denn wir verstehen uns großartig, bis heute. Aber auch mit Lewis Hamilton. Er hätte mich wahrscheinlich auf der Strecke vernichtet. (lacht) In Bezug auf den Spaßfaktor beim Rennen wäre ich also gerne mit Rubens gefahren, aber in Bezug auf das Lernen wäre es Lewis gewesen.
Und was ist mit Sebastian Vettel, Deinem Partner bei Red Bull Racing?
Seb mochte es nie, wenn das Wochenende gestört war, wenn es also zum Beispiel am Freitag regnete. Er analysierte aus meiner Sicht auch manchmal alles zu sehr. Faszinierenderweise musste ihm Rocky (Renningenieur Guillaume Rocquellin) trotz der Menge an Mind-Management, die Seb abwickeln konnte, immer durch Safety Car Situationen helfen. Währemd der Safety Car Phasen, hat er einmal das DRS-Board getroffen, mich, und auch Lewis Hamilton abgeschossen. Ich glaube, er hat Mühe, langsam zu fahren. (lacht) Ich glaube, 2010 habe ich in Budapest gewonnen, weil er beim Restart eingeschlafen ist. Er bekam eine Strafe, weil er nicht nah genug am Safety Car war. Aber auch bei der Boxeneinfahrt war er nicht gut. Aber ich hatte viel mehr Schwächen als er. Er hatte viele erstaunliche Qualitäten und konnte mir in so vielen anderen Bereichen in den Hintern treten.
Gibt es etwas in Deiner Karriere, das Du bedauerst?
Jeder Fahrer wird viele der Mikroentscheidungen, die er im Cockpit trifft, bedauern. Es gibt so viele und sie alle haben Konsequenzen. Wenn das nicht so wäre, würden wir alle als fünfmalige Weltmeister herumlaufen. Generell gibt es keine Reue. Die Entscheidung zwischen Williams und Renault im Jahr 2005 war schwer. Wenn ich zu Renault gegangen wäre, wäre ich dann aber jemals bei Red Bull eingestiegen? Wahrscheinlich nicht, wer weiß. Aber die Dinge passieren aus einem bestimmten Grund.
Während Du Ende 2013 aus der Formel 1 zurückgetreten bist, ist einer Deiner ehemaligen Wegstreiter wieder zurück und schlägt sich sehr gut – Fernando Alonso….
Fernando fährt gut. Der Typ ist noch immer ein bisschen ein Zauberer. Und er ist der letzte Typ, den Du zwei Stunden lang vor oder auch hinter Dir im Spiegel rumhängen haben willst. Fernando ist extrem gut darin, auf unkonventionelle Weise Druck aufzubauen. Er ist noch immer sehr, sehr gut. Mal sehen, wie das nächstes Jahr mit dem neuen Auto läuft, das wird interessant. Wenn Alpine eine Rakete bringt, könnte er gefährlich werden.
George Russell gilt als kommender Champion. Nächste Saison muss er sich bei Mercedes beweisen. Denkst Du, er schafft das?
Gegen Lewis anzutreten, wird extrem herausfordernd. Aber George hat jetzt fast 50 Rennen hinter sich, also ist er bereit dafür. Lewis fuhr gleich an die Spitze was einem sein Kaliber zeigt. Das können nur die ganz besonderen Fahrer. 99% Prozent der Jungs brauchen einige Rennen, um sich an die Idee zu gewöhnen vorne dabei zu sein. George ist bereit dafür, aber es ist etwas anderes, als sich in einem unterdurchschnittlichen Wagen gut zu qualifizieren und gut abzuschneiden, wenn man wenig Druck hat. George wird wissen, dass es eine enorme Verschiebung der Intensität geben wird, die mit der Erwartung einhergeht, sich jede Woche für die erste Reihe zu qualifizieren und jedes Rennen auf den ersten Plätzen zu beenden.
Was ist Ihre Meinung zu den F1-Sprintrennen?
Beim Sprintrennen müssen wir sicherstellen, dass der Verbraucher versteht, was er sieht und was die Formel 1 erreichen möchte, und das ist nicht immer einfach. Auch wenn die längeren Events mitunter langweiliger werden, wie zum Beispiel beim Tennis, wollen doch alle Top-Spieler die Grand Slams und die größeren Turniere gewinnen. Die Besten der Besten finden in fünf Sätzen einen Weg zum Sieg. Also müssen wir bei den Sprintrennen in der F1 aufpassen, dass sie nicht ein bisschen zur Lotterie werden und das Prestige der Serie verringern.
Würdest Du die Regeln ändern?
Das ist ein großes Thema, aber ich finde das Nachtanken toll. Aber vor allem muss es einen Weg geben, um die besten Fahrer auf den F1 Grid zu bekommen. Die Leute wollen die Besten der Besten sehen. Das gleiche gilt für Moto GP, Tennis, Fußball, Golf…. Der Sport braucht Protagonisten wie die Lando Norrises, die George Russells, die Max Verstappens, die Charles Leclercs, und sogar die alten Lewis Hamiltons oder Fernando Alonsos. Das ist so wichtig für den Motorsport.
Du unterstützt Nachwuchstalent Oscar Piastri. Leider bekam er für 2022 keinen Rennsitz am F1 Grid. Wie siehst Du seine Zukunft?
Verdient Oscar es, in der F1 zu sein? Absolut. Das wissen wir alle. Es ist gut zu sehen, dass der Sport über gutes frisches Blut verfügt. Bei Oscar ist es keine Frage des Ob, sondern nur des Wann. Wenn Piastri 2022 eine Reihe von FP1-Sessions mit Alpine bestreitet, ist das ein guter Einstieg. Alpine möchte nicht, dass er ihnen durch die Finger geht, um es gelinde auszudrücken.
Du bist jetzt schon länger beim Fernsehen. Wer ist für Dich am schwierigsten zu interviewen?
Wahrscheinlich ist Kimi Räikkönen immer noch der Härteste. Er mag das auch nicht. Ich bin aber kein großer Journalist. Ich bin da, um über die Emotionen und die Leidenschaft zu sprechen, die man im Fernsehen sieht. Ich genieße es, Leute nach einem Rennen oder nach einem Szenario zu interviewen. Einzelinterviews mit einem Teamchef sind nicht mein Ding.
Es sind diese Saison noch zwei Rennen ausständig. Wer wird Weltmeister, Verstappen oder Hamilton?
Max könnte aktuell punktetechnisch weiter voran liegen. Er hat zum Beispiel in Baku viele Punkte verloren. Mercedes scheint beim Motor nun wieder etwas gefunden zu haben und Lewis ist wieder sehr hungrig. Dann fährt er am besten. Das hat man auch in Brasilien gesehen. Das war beeindruckend. Aber noch ist alles offen.
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