Vettel: „Alle glauben, dass sie 2022 vorne dabei sind. Das geht sich nicht aus“

Im Exklusivinterview mit dem Schweizer Blick sprach Sebastian Vettel über das WM-Finale, Aston Martin und 2022. Hier die wichtigsten Antworten des Deutschen an unseren Kollegen Roger Benoit

Weltweit gab es heisse Diskussionen über das WM-Finale. Zufrieden?

Es geht. Die Sache hat doch einen recht komischen Eindruck hinterlassen. Man hätte das Feld hinter dem Safety Car schon viel früher sortieren sollen. Ich hatte den Vorschlag nach der ersten Runde im Funk gemacht.

Verstappen profitierte, Hamilton war der Verlierer.

Ich hatte nur gesehen, dass in der letzten Runde die holländischen Fans aufsprangen. Da wusste ich: Max ist vorne. Und Lewis hatte mit seinen Reifen keine Chance. Nun, beide hätten den Titel verdient. Schade für Hamilton, denn er hatte eine bärenstarke zweite Saisonhälfte. Jetzt gratuliere ich einfach beiden Piloten.

Sie hatten eine durchzogene Saison mit Aston Martin.

Wir hatten generell ein schwieriges Jahr mit dem neuen Reglement und dem modifizierten, ja abgeschnittenen Unterboden. Wir hatten hinten einen nicht so steilen Anstellwinkel wie zum Beispiel Red Bull. Auch Mercedes litt unter dem Unterboden. 2020 waren sie noch 1,5 Sekunden voraus.

Bei Ihnen hatte man das Gefühl, dass es Strecken gibt, die dem Auto gar nicht liegen.

Das ist richtig. Unser Auto ist nicht so effizient. Das ist eine Schwachstelle. Wir hatten leider zu oft zu viel Luftwiderstand.

Kann man sich für 2022, wenn alles total neu ist, schon Ziele setzen?

Ja und nein. Natürlich kann man noch keine Zahlen oder Prognosen abgeben. Ich kann doch jetzt nicht sagen, wir wollen das schnellste Team sein und Weltmeister werden. Aber wenn man mit allen Teams redet, dann hoffen und glauben die meisten, dass sie ganz vorne dabei sein werden. Das geht sich ja nicht aus. Auch wir müssen die Füsse auf dem Boden lassen und realistisch bleiben.

Also WM-Siebter will Aston Martin nicht mehr werden …

(Lacht.) Natürlich nicht, aber irgendein Team wird dort landen.

Ihr Kollege Lance Stroll ist der Sohn des Teambesitzers. Gibt es da Probleme?

Überhaupt nicht. Wir haben ein professionelles Verhältnis. Und das Team arbeitet auch so, holt seit Monaten für den Neustart viele Mitarbeiter. Es herrscht eine tolle Aufbruchstimmung. Das gefällt mir, und es macht mir auch Spass weiterzufahren. Neue Dinge haben mich immer motiviert.

Sind Sie jetzt glücklicher als 2020 im sechsten und letzten Jahr mit Ferrari?

Nun, mein Abgang von Ferrari war vielleicht etwas komisch. In dieser Hinsicht bin ich jetzt glücklicher als vorher. Aber ich möchte meine Zeit bei Ferrari nie missen. Auch wenn dort meine geplanten grossen Erfolge ausgeblieben sind. Wir wollten ja Weltmeister werden.

Sie sind seit Singapur 2019 immer noch der letzte Sieger mit einem Ferrari.

Das ist ganz klar auf den Vorsprung von Mercedes und Red Bull zurückzuführen. Die sind leider weiter so krass überlegen. Aber irgendwann wird auch Ferrari wieder siegen und Weltmeister werden.

Aber das neue Reglement soll ja diese Vormachtstellung einbremsen, das Feld endlich wieder näher zusammenbringen. Eine Vision, die auch eintrifft?

Das ist die grosse Frage. Ein neues Reglement lässt, wie ich schon gesagt habe, alle hoffen. Wir müssen jetzt einmal ein Jahr abwarten und sehen, ob sich alles positiv entwickelt – in allen Regionen der aktuellen Tabellenlage. Kurz: ob wirklich alle zusammenrücken und dann auch mehr überholt wird.

Sie sind in dieser Saison so etwas wie der rasende Ziehvater von Mick Schumacher geworden. Wie hat er sich geschlagen?

Im schlechtesten Auto im Feld hat er sich gut gehalten. Und seine Hauptaufgabe, Teamkollege Mazepin hinter sich zu lassen, hat er ebenfalls souverän gelöst.

Aber Mick hat auch sieben Autos kaputt gemacht, mehr als jeder andere Pilot.

Im ersten Jahr musst du eben noch viel lernen. Und wenn dir dieser Prozess nicht mehr gegönnt wird, dann wird es schwer. Ich wünsche ihm für 2022 ein besseres Auto, das seinem Talent gerecht wird.

Ihr Kumpel Kimi Räikkönen verlässt die Formel 1 mit 42 Jahren. Es kommt in Hinwil zum Finnenwechsel. Was halten Sie eigentlich von Valtteri Bottas?

Irgendwie finde ich es schade, dass er bei Mercedes gehen muss. Aber vielleicht kommt ihm ja 2022 beim Schweizer Team das neue Reglement entgegen, dass die Sache im Feld endlich ausgeglichener wird und er mehr Chancen hat. Ich behaupte, Valtteri ist einer der unkompliziertesten und ehrlichsten Fahrer. Und vor allem ist Bottas auch einer der schnellsten Fahrer im Feld!

Weihnachten steht vor der Tür – haben Sie auch Wünsche?

Ja. Eine gesunde Familie und Ski fahren, wenn es Corona zulässt.

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