ORFs Hausleitner prangert Formel 1 der Eliten an und hofft auf Wurz junior

In der neuen Ausgabe des Formelaustria Talks DELTA TIME sprach ORF F1 Kultkommentator Ernst Hausleitner über die neue Formel 1 2022, die Irrungen und Wirrungen bei Mercedes, und die Hoffnung auf Charlie Wurz

Die aktuelle Situation in der Formel 1, wie würdest Du sie bewerten?

Grundsätzlich muss man sagen, dass wir einen absoluten Boom der Formel 1 erleben, nicht nur wir in Österreich haben großartige Zuseherzahlen im ORF, wir schreiben einen Rekord nach dem anderen, zuletzt haben wir beim Monaco Grand Prix 970.000 Zuseher gehabt. Das ist, seit es die Quotenerhebung gibt, der höchste Wert bei einem Monaco Grand Prix, wir hatten auch die höchsten Werte in Spanien und Australien. Das ist weltweit und irgendjemand hat da irgendetwas sehr richtig gemacht. In der Formel 1 gehört auch immer ein wenig Politik dazu und jetzt sind wir wieder in einem Bereich, wo es politisch geworden ist. Die großen Teams meinen, dass man die Budgetobergrenze der Inflation anpasst und nachjustiert. Die kleinen sagen, das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich bin da eher bei den kleinen Teams.

„Toto und die Silbernen“ klingt ein bisschen wie eine Dramaserie, ist es vielleicht auch wenn man genauer hinschaut. Wie analysierst Du die Lage im Team?

Ich darf zugeben, dass ich mich geirrt habe, was meine Einschätzung von vor dem Saisonbeginn anlangt. Ich hätte es George Russell so nicht zugetraut, dass er permanent schneller ist als Lewis Hamilton. Das hat mich selbst überrascht. Er ist eine sehr, sehr harte Nuss für Hamilton. Mercedes wird sich wohl nicht mehr so fangen, dass sie noch um den Titel mitfahren können, das wird nicht passieren. Es ist da, so glaube ich, eine grundlegende Fehlkonstruktion passiert, eine Fehleinschätzung des Fahrzeugdesigns. Noch gibt man das nicht ganz zu in Brackley, dass man sich da verlaufen hat. Toto wird auch nicht müde, Lewis im teaminternen Duell den Rücken zu stärken. Die beiden Piloten haben unterschiedliche Herangehensweisen. Der eine ist es aus seiner Williams Zeit gewohnt, hinten nachzufahren, der andere war es bis dato nur gewohnt, vorne wegzufahren und das macht gerade den Unterschied aus. Ich würde jetzt nicht vorschnell über die fahrerischen Qualitäten des Lewis Hamilton urteilen, denn die finde ich nach wie vor überragend. Ich glaube, dass es eine mentale Sache ist, wenn du über Jahre das Feld angeführt hast und dann plötzlich irgendwo um Platz 12 herumgurkst. Für Russell ist es ein Schritt nach vorne. Aber ich ziehe alle meine Hüte vor seiner Leistung.

Ihr teilt Euch heuer mit ServusTV die Rennen auf, sprich nur jedes zweite Rennen läuft auf ORF. Um nicht nichts zu zeigen, habt Ihr Euren coolen Formel 1 Talk „Motorhome“ entwickelt. Wie ist da die interne Synergie?

In erster Instanz war es schon ein Schock für mich, dass wir uns die Rechte teilen, aber ehrlich gesagt, hätte es für uns noch viel schlimmer kommen können, so ehrlich muss man an dieser Stelle sein. Aus dieser Konstellation heraus habe ich mir überlegt, was machen wir an jenen Wochenenden, wo die Kollegen aus Salzburg die Rennen live übertragen. Und dann war meine Idee, diese Sendung „Motorhome“ ins Leben zu rufen, wo wir eigentlich ein Rennen analysieren, das wir vorher gar nicht gesehen haben. Wir gehen also schon davon aus, dass die Zuseher es gesehen haben. Da war der Hintergedanke, dass wir primär auf die Kompetenz des Alexander Wurz bauen, der, so meine ich, in Österreich die höchste Formel 1 Instanz ist. Mir fällt niemand ein, der einen besseren Einblick in die Szene hat, mir fällt niemand ein, der näher an den Piloten dran ist in seiner Funktion als GPD-Präsident, mir fällt niemand ein, der höheres technisches Wissen und Sachverständnis hat, und auf genau diesen Eckpfeilern wollten wir einfach den Formel 1 Fans ein weiteres Forum bieten. Grundsätzlich ist das recht gut aufgegangen, das zeigen die Zahlen. Und ist eigentlich etwas für absolute „Freaks“ im positiven Sinne, weil wir da phasenweise schon sehr tief in die Materie hineingehen. Da hat sich der ORF doch was getraut. Die Alternative wäre gewesen, das Rennen in einer gekürzten Art widerzugeben. Alex und ich kommentieren die Rennen nämlich live mit, sie dürfen vom ORF nur nicht live ausgestrahlt werden. Nach Ablauf einer gewissen Karenzzeit wäre das erst möglich und dann ist es meistens Mitternacht, und das wollte ich nicht. Dazu ist mir die Formel 1 zu heilig.

Eine Frage, die natürlich unsere österreichischen Leser interessiert – „Österreichischer Formel 1 Fahrer“ – siehst du da wen?

Das ist ein ganz, ganz schwieriges Thema und es sind mittlerweile knapp 12 Jahre vergangen, dass der letzte Österreicher an einem Formel 1 Grand Prix teilgenommen hat. Das war Christian Klien im Jahr 2010, als er für HRT noch drei Rennen bestreiten durfte. Seither warten wir wirklich händeringend auf einen, der da nachkommen könnte. Ich sag jetzt nicht aus Verbundenheit und Freundschaft zum Alex, sondern weil ich es objektiv so meine: der nächste, der die Chance hätte, ist Charlie Wurz, der mittlere Sohn vom Alexander, der aktuell italienische Formel 4 Meisterschaft fährt und hoch begabt ist. Er war ganz knapp dran in die Ferrari Akademie aufgenommen zu werden und fährt nun für das Prema-Team, das auch in der Formel 3 und der Formel 2 engagiert ist. Wir haben zurzeit auch keinen Österreicher, der in den Supportrennen an einem Formel 1 Wochenende teilnimmt. Für uns wäre es schonmal ein Segen, wenn er da andocken könnte. Ich weiß, dass Charlie es draufhat, auch wenn er ein Handicap hat, das auch sein Vater hatte – er ist relativ groß. Trotzdem ist er schnell unterwegs und ich weiß wieviel Aufwand Alex betreibt, um die Karriere von Charlie zu forcieren. Es ist traurig, wie asozial die Formel 1 – oder der Motorsport – mittlerweile geworden ist. Geld regiert die Welt und wir haben die Auswüchse dessen auch in der Formel 1. Ohne Namen zu nennen, sind da zwei, drei drinnen, die da nicht hingehören, wenn es nur um die Qualität der Piloten geht, die aber dort gelandet sind, weil sie mehr Geld haben wie alle anderen. Durch das Formel 1 Testverbot können die Jungs und Mädels aus den Nachwuchsserien nicht in einem Wagen üben, auch wenn sie finanziell dazu aufgestellt wären. Schon der Gerhard Berger hat als er Vorsitzender der Single Seater Commission der FIA dieses Themas angenommen, aber auch ihm ist leider die zündende Idee nicht gekommen. Die Formel 1 darf nicht zu einem Sport der Eliten werden, aber diesen Wildwuchs sehe ich leider momentan, und da ist auch Alex mit all seinen Kontakten und Verbindungen in einer sehr schwierigen Position, seinen Söhnen diese Karriere zu ermöglichen. Es ist einfach eine Spielwiese der Milliardäre geworden und das finde ich eine sehr bedenkliche Entwicklung.

 

Hier geht zum gesamten Zoom Live Talk DELTA TIME – Episode 05/22  – Ernst Hausleitner

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