Mittels Crowdfunding soll Caterham einen Start in Abu Dhabi ermöglicht werden. Das Marussia-Aus ist besiegelt. Die großen Teams zeigen keinen Kompromiss
Was gibt es Neues beim Thema „Teamsterben“? Auf der provisorischen Nennliste der FIA für die Saison 2015 tauchten Marussia und Caterham wieder, Marussia unter dem Namen des Einsatzteams Manor. Doch die Chancen auf ein Comeback der beiden Rennställe sinken. Der Insolvenzverwalter des Marussia-Teams hat bekannt gegeben, dass das Team aufgelöst und die Mitarbeiter gekündigt werden.
Das Marussia-Team ist die Mannschaft von John Booth. Sie sammelte in den Nachwuchsserien wie der Formel-Renault und der Formel-3 unter anderem mit dem aktuellen F1-WM-Leader Lewis Hamilton viele Erfolge und wurde schließlich 2010 zum Einsatzteam von Virgin Racing benannt. Marussia heißt das Team nämlich erst seit drei Jahren, zuvor trug es den Namen des Mischkonzerns von Sir Richard Branson, Virgin. Doch wie schon beim Weltmeister-Team Brawn schoss Branson weniger Geld als gedacht bei, das Team kam finanziell nie auf gesunde Beine – auch weil die versprochene Budgetobergrenze nie kam.
Einer der Fahrer der ersten Stunde war Timo Glock aus Deutschland, der inzwischen in der DTM an den Start geht. Ende 2012 machte er seinen Platz frei für Bezahlfahrer Max Chilton, schon damals balancierte Marussia am finanziellen Abgrund. Alle Hoffnungen setzte man auf die Saison 2014, erstmals rückte man mit Ferrari-Motoren aus, außerdem gab es die großen Regelumwälzungen, die man als große Chance angesehen hat.
Obwohl Jules Bianchi beim Monaco-GP als Neunter die ersten beiden Punkte der Teamgeschichte einheimste, blieb am Ende die Ernüchterung: Der Anschluss ans Mittelfeld konnte auch im Jahr des Umbruchs nicht geschafft werden. Nach seinem Heimrennen in Russland stellte Marussia-Chef Andrej Cheglakov die Zahlungen ein, der Rennstall schlitterte in die Insolvenz. Der Automobilkonzern Marussia, ein Hersteller von Supersportwagen, ist seit April 2014 bereits wieder Geschichte.
Zuletzt wurden die beiden indischen Brüder Baljinder Sohi und Sonny Kaushal mit einer Rettung Marussias in Verbindung gebracht. Doch es kam zu keiner Übereinkunft. Auch der Insolvenzverwalter von Caterham tut sich mit dem Finden eines Investors offenbar schwer. Man bedient sich nun einer modernen Methode, um zumindest in Abu Dhabi nochmal am Start stehen zu können: Mittels Crowdfunding sollen rund drei Millionen Euro gesammelt werden, um einen Start in Abu Dhabi zu ermöglichen.
Crowdfunding ist ein neuer Trend. Mittels Crowdfunding kann jeder Mensch in eine bestimmte Sache investieren. Bei manchen Projekten werden Renditen versprochen, bei anderen geht’s eher um Spaß. Vor zwei Jahren versuchte Kamui Kobayashi durch Crowdfunding Geld für ein F1-Cockpit aufzutreiben. Das Resultat war sein Comeback mit Caterham in dieser Saison.
Der frühere F1-Konstrukteur Nicolas Perrin versucht mittels Crowdfunding einen LMP1-Sportwagen zu konstruieren. Als nächstes Projekt will er einen dem aktuellen Reglement entsprechenden F1-Boliden entwerfen, wie er gegenüber „Motorsport-total.com” bekannt gab. Der Traum des Franzosen ist ein eigener F1-Rennstall, auf jeden Fall könnte der Wagen aber beispielsweise für Nachwuchstestfahrten verwendet werden
Die Aktion von Caterham läuft noch bis Mitternacht des kommenden Freitags. Jeder kann schon mit einem Pfund mitmachen, je größer die gespendete Summe, desto mehr gibt es auch zurück, zum Beispiel gab es für 2.500 Pfund einen Frontflügel des 2013er Caterham Renault. Bis Sonntagabend 19.30 Uhr konnten von den bis dato 2276 Gönner bereits 45% des benötigten Budgets gesammelt werden.
Die Idee ist modern, die Idee könnte aufgehen. Dennoch wird sie kritisiert. Es kann nicht gut sein, wenn die Fans die F1-Rennställe finanzieren müssen, ist der Tenor des Fahrerlagers. Manche befürchten, dass die Insolvenzverwalter mit dem Geld lediglich die Gläubiger bezahlen wollen, bevor Caterham die Türen endgültig schließt. Doch das Versprechen, in Abu Dhabi beim Erreichen des Geldes am Start zu sein, steht. Aber: Wer würde nach dem Abgang der Führungsregie um Berater Colin Kolles den Einsatz leiten? Besonders nachhaltig dürfte diese Methode außerdem nicht sein. Eine volle F1-Saison lässt sich mit Crowfunding wohl nur schwerlich finanzieren.
Es müssen stattdessen nachhaltige Lösungen her. Doch in Brasilien scheinen die F1-Verantwortlichen und die Rennställe bei der Suche nach Lösungen nicht weitergekommen zu sein. Die Verträge der Topteams mit F1-Zampano Bernie Ecclestone laufen bis 2020, hängen aber an einen irrwitzigen Verteilungsschlüssel des Preisgeldes: 2013 strich Ferrari als Gesamt-Dritter 160 Millionen Dollar ein, Lotus als Vierter nur 65 Millionen! Selbst wenn Lotus vor Ferrari gelandet wäre, sähe die Verteilung der Preisgelder ähnlich aus. Ist das noch gerecht? Oder ist das gar wettbewerbsverzerrend?
Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff zeigt sich zu Kompromissen bereit – als einziger Vertreter der Topteams: „Jetzt liegt es an den Teams, mit Bernie darüber zu diskutieren, was getan werden kann. Und wenn die größeren Teams, uns inklusive, etwas tun können, dann sollten wir uns an einen Tisch setzen und Gespräche führen”, wird er auf “Motorsport-total.com” zitiert. Doch wer Wolff den F1-Friedensnobelpreis verleihen will, der muss auch beachten: Wolff holt auch für sich, also Mercedes, nur das Beste raus. Er will verhindern, dass Mercedes das Gleiche passiert, wie Renault. Die Franzosen verloren zwei Kunden und damit 40 Millionen Euro an Einnahmen. Lieber gibt Mercedes freiwillig etwas Geld ab, als dass ihnen die Pleite von F1-Teams wie Lotus und Force India kosten würde.
Red Bull hat das Problem nicht. Teamchef Christian Horner ist daher zu Kompromissen nicht bereit: „Die Teams sind da um gegeneinander zu fahren und sich nicht gegenseitig zu finanzieren.” Doch Horner vergisst: Womöglich gibt es bald nur noch sehr, sehr wenige Teams, die gegeneinander fahren, auch Red Bull braucht die Mittelfeld- und Hinterbänklerteams.
Ferrari-Rennleiter Marco Mattiacci ist ebenfalls rigoros: „Ferrari setzt sich dafür ein, dass der Kuchen größer wird und nicht, dass der Kuchen anders verteilt wird.” Ferrari wird bei der F1-Preisgeldvergabe als ältester F1-Rennstall am meisten bevorzugt. An diesem Privileg will Ferrari festhalten. Dass der F1-Kuchen größer wird, ist unwahrscheinlich. Ecclestone hat mit den Rennveranstaltern und mit den TV-Sendern schon das Maximum herausgehandelt, weiter kann er nicht gehen, mehr Geld kann er nicht einspielen. Die Zuschauer an den Strecken bleiben weg, die Ticketpreise müssen daher dringend gesenkt, die Gebühren niedriger werden. Das Fernsehverhalten der Menschen ändert sich, die Quoten sinken – das gesamte Interesse an der Formel-1 ebenfalls. Mattiacci muss sich eher drauf einstellen, dass der Kuchen kleiner wird. Außer die F1-Anteilseigner verzichten und geben den Teams mehr Geld, aber auch das ist unrealistisch. Investmentfirmen wie CVC haben Unsummen gezahlt, um an die Rechte der Formel-1 zu kommen. Das Geld muss wieder in die Kassen kommen.
Eine Partei hält sich im Streit übrigens recht bedeckt: Der Automobilweltverband FIA. „Pitwalk“-Chefredakteur Norbert Ockenga hat dazu auf seinem Blog eine ganz eigene Erklärung parat. Worum geht es? Die F1-Muttergesellschaft Delta Holding hat die Vermarktungsrechte an der Formel-1 auf 100 Jahre von der FIA bekommen. Doch seit FIA-Präsident Jean Todt die Regentschaft übernommen hat, würde Todt gerne die FIA wieder als starke Macht etablieren. In den anderen Meisterschaften wie der Rallye-WM, Sportwagen-WM und Tourenwagen-WM hat die FIA die Zügel wieder in der Hand, in der Formel-1 verhindert ein solcher Vertrag genau das.
Doch der Vertrag kann sofort aufgelöst werden, wenn die Starterzahl unter 16 Autos sinkt. Genau das wäre der Fall, wenn in Abu Dhabi zwei F1-Teams streiken würden. Die Auflösung des Vertrags hätte zur Folge, dass alle Eckdaten und Rahmenbedingungen neu ausgehandelt werden könnten. Also beispielsweise die F1-Preisgeldverteilung, aber auch Regelungen wie die Budgetobergrenze und Kostenkontrolle.
In diesem Zusammenhang ist auch die Stärkung der F3-Europameisterschaft und der Aufbau einer eigenen Nachwuchsleiter mit Formel-4 und in der Zukunft auch einer Formel-2 zu sehen. Die FIA will den Rennsport wieder kostengünstiger und rentabler machen. Mit einer kostengünstigen Formel-2 würde man der teuren GP2-Meisterschaft Konkurrenz machen, die mit dem F1-Umfeld und den Ersatzteilen Geld macht.
Doch das Problem eines Streiks fasst Ockenga in seinem Blog ebenfalls zusammen: „Mit einem Streik wollen die Teams eigentlich Ecclestone überzeugen, aus seinen beiden Säulen des Concorde Agreements gerechter auszuschütten. In Wahrheit würden sie damit einer ganz neuen Politik Tür und Tor öffnen, die ellenlange Debatten zur Folge hätte – Diskussionen, während derer sie kein Geld kriegen und die sie wirtschaftlich wohl kaum überleben würden.” Daher überrascht es auch nicht, dass die Sauber- und Force-India-Chefs Streikabsichten ganz klar dementieren. Lotus-Chef Gérard Lopez schließt allerdings einen Rückzug von Lotus nicht mehr kategorisch aus.
Die schlechten Nachrichten um die Finanzlage der Mittelfeldteams reißen nicht ab. Sauber musste zwei Bezahlfahrer für 2015 verpflichten und die „Financial Mail“ berichtet, dass Force India jüngst einen Verlust von umgerechnet 49,10 Millionen Euro gemacht hat.
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