Die elektrischen Reiter

sam-bird_antifranch_wordpress_comIn London ging vor kurzem die Premierensaison der Formula E zu Ende. Hat die Formula E wirklich Zukunft oder wird bald der Stecker gezogen?

Erfolgreiches Debüt

In weniger als drei Jahren wurde aus der Idee einer Rennserie mit elektrisch betriebenen Boliden Wirklichkeit. Neben der sport-politischen Ebnung durch die FIA, machte das Zusammenspiel des Know Hows von McLaren, Williams, Renault, Michelin und Dallara machte die Sensation möglich. Das Prinzip der Formula E ist simpel: Die Rennen sind kurz, weil die Batterien der aktuellen Renner nur 25-30 Minuten halten, und die Wagen sind identisch, wodurch die Konkurrenz eng ist. Daher kann ein Fan gleich ohne viel Lernzeit ins Vergnügen einsteigen und zudem ist die Serie weder für die Teams noch für die Anhänger allzu kostspielig. Einen Rennstall aufzustellen kostet einen Bruchteil dessen, was in der Formel 1 auf den Tisch gelegt werden muss, und weil die Rennen in den Innenstädten von Metropolen wie Sao Paulo, Miami, Buenos Aires und auch Monaco stattfinden, sind schon genügend Menschen vor Ort. Die Formula E Verantwortlichen in Mami verlangten nicht einmal Eintritt. Auch die Interaktion mit den Tifosi kommt nicht zu kurz, denn neben Autogrammstunden, Pitwalks, Konzerten, usw. gibt auch den so genannten Fan Boost, bei dem die Top3 Piloten eines Fanvotings für das Rennen zwei zusätzliche Powerbursts bekommen.

1425810608_5540Mehr soll kommen

“Ohne Zweifel ist die Formula E ein Erfolgsmodell. Schon in der ersten Saison hatten wir fast 190 Millionen TV Zuseher und 400,000 Fans an den Strecken. Ein Highlight war auch unsere Formula E auf dem Cover des Greenpeace Magazins zu sehen. Unser Thema erreicht und inspiriert komplett neue Zielgruppen”, freute sich Audi Sport Abt Teamboss Hans Juergen Abt. Die Formula E hat bereits bekannt gegeben, dass alle zehn Teams auch kommende Saison wieder dabei sein werden. Serienchef Alejandro Agag: „Nach dieser erfolgreichen Debütsaison ist es sehr positive, dass die Teams auch in Saison 2 am Start sein sind, zumal einige auch von großen Herstellern unterstützt werden. Das zeigt die Bedeutung der Serie.“ Lediglich bei den Teamnamen werden sich kleine Änderungen ergeben, so wird z.B. das Virgin Team gemeinsam mit dem Citroen DS Brand auftreten. Ähnliches gilt auch für Abt oder China Racing.

formula-eEchter Rennsport?

Im Autorennsport geht es um Geschwindigkeit, Sound und Benzinverbrennung. Es geht darum, jede Schraube des Wagens ans Limit zu bringen. Es geht darum, den Fahrer an den Rand eines Fehlers zu treiben. Formula E ist nichts davon. Speziell im Fernsehen klingen die Autos wie das ferngesteuerte Spielzeugauto meines Neffen. Die Autos schauen nicht nur lahm aus, sie sind es auch. Mit einem Topspeed von knapp 140 Meilen sind sie satte 15 Meilen langsamer als der Tesla S 85D Serien-Straßenwagen. Agag konterte, dass es bei der Formula E „um die Kinder ginge. Um die nächste Generation, deren erster Wagen dann ein Elektroauto sein wird.” Bis dahin, so glauben der Spanier und sein “Boss” FIA Präsident Jean Todt, wäre die Serie nicht mehr so experimentell und weltweit populär. “Die Formula E hat gerade begonnen und es ist wichtig, die Premiere genau zu analysieren. Mit der Zunahme ihres Bekanntheitsgrades und der Ausweitung des Kalenders, werden neue Teams und Hersteller einsteigen. Wir glauben, dass wir die Rahmenbedingungen für eine positive Zukunft dieser Serie geschaffen haben, in der in den nächsten Schritten die Motoren und Batterien von mehreren Produzenten kommen können“, so Todt. Selfmade-Milliardär Richard Branson hat sogar behauptet “außer es gibt Serien wie diese, werden wir bis 2050 niemals eine Kohlenstoff-neutrale Welt schaffen.” Allerdings wissen wir alle wie rasch Branson sich für etwas begeistern kann und wie rasch er meist das Interesse daran verliert. Schaut man sich die Startaufstellung an, so finden sich zahlreiche ehemalige Formel 1 Piloten in der Formula E wieder. Allerdings handelt es sich dabei um Piloten, die entweder schon zu betagt für die Königsklasse sind – wie Nick Heidfeld, Jarno Trulli oder Tonio Liuzzi – oder einfach nicht gut genug – wie Bruno Senna, Karun Chandhok, Jerome d’Ambrosio u.a. Realistischer gesehen, muss man also sagen, dass das Feld – bis auf wenige Ausnahmen – aus Fahrern besteht, die ihre Chance in der Formel 1 nicht nutzen konnten.

niki_660_102613102624F1 Stars skeptisch

Die Formula E wendet sich offensichtlich an eine andere Zielgruppe als traditionelle Motorsport-Fans. F1 Vierfach-Champion Sebastian Vettel ist einer von vielen “Traditionalisten”, die mit der Formula E nicht viel anfangen können: “Ich bin kein Fan davon und ich habe auch keine Lust die Rennen anzusehen.” Jenson Button, Formel 1 Weltmeister von 2009, sieht die Formula E “als gute Ergänzung zu den bestehenden Serien, weil sie den elektrisch-betriebenen Aspekt des Autofahrens abdeckt.“ Stellvertretend für viele Benzinbrüder kritisiert Red Bull Racing Teamchef Christian Horner den niedrigen Topspeed der Boliden und sieht sie vielleicht als Konkurrenz der GP3 Series. Österreichs Rennlegende Gerhard Berger sagte: “Ich bin ein Racer, ein echter Racer, und Autos ohne Motorensound sind nicht mein Ding. Für mich ist die Formula E nicht Autorennfahren. Es ist irgendein anderes Konzept“. Sein Landsmann, Mercedes Motorsport Boss Niki Lauda, war da wie immer deutlich unverblümter: “Formula E ist das Schlechteste, dass ich seit Jahren gesehen habe. Die Autos schauen aus wie Spielzeug und kriechen hintereinander über die Strecke. Das hat mit Motorsport nichts zu tun.“ Auch sein “Adjutant”, Mercedes F1 Teamboss Toto Wolff, hat Bransons Sprüche, die Formula E würde langfristig die Formel 1 als Königsklasse ablösen, ins Reich der Fantasie verwiesen. „Ich habe davon gelesen und der Vergleich ist einfach totaler Nonsens. Ich will das gar nicht einmal groß erklären. Die Formula E ist ein Versuch eine elektrische Serie zu etablieren, während die Formel 1 die Krönung des Motorsports ist.“

Keine Formel 1

Die Formula E hat ihre erste Saison hinter sich und die Zahlen stimmen doch zuversichtlich. Allerdings war dies auch in der Vergangenheit bei der Aurora F1, der A1 Grand Prix, der Superleague Formula, der Grand Prix Masters, der Formula Acceleration 1 und einigen anderen so, die wenig später in Vergessenheit gerieten. Der Formula E muss aber allein schon dafür Respekt gezollt werden, dass sie an Orte geht, wo noch keiner war und dass man auch Risiken eingeht um das Produkt zu promoten, anstatt zufrieden am Sofa zu sitzen und über sinkende Zuschauerzahlen und TV Quoten zu sinnieren. Aber es ist ein Faktum, dass eine elektrische Rennserie an den Mann und die Frau zu bringen, einfach ein schwieriges Unterfangen ist. Wer einmal einen Ferrari V12 oder einen NASCAR V8 in Action gesehen hat, der wird für eine Rennserie mit praktisch stummen Autos nicht die Fernbedienung verwenden. Die Philosophie der Formula E ist eine Serie zu sein, die die Menschen von morgen lieben werden, eine Serie, die grün ist – zumindest irgendwie grüner – in einer Welt, die sich zunehmend umweltfreundlicheren Energieformen verschreibt, hat die Andrettis, die Prosts, und sogar Leute wie Leonardo di Caprio angezogen. Aber sie alle werden sich dem Projekt eine ganze Weile verschreiben müssen, ehe die Serie wirklich Fuß fasst, wenn sie das jemals wird. Todt hofft, dass sie in einigen Jahren das elektrische Äquivalent zur Formel 1 wird. Die Formula E verdient es vorurteilsfrei anstatt mit Zynismus empfangen zu werden. Aber sie ist und wird nie die Formel 1.

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