Der Onkel aus Amerika

Marco Mattiaci_Scuderia FerrariMarco Mattiacci war das Gehirn des Ferrari-Geschäfts in Amerika, als er plötzlich nach Hause beordert wurde. Formelaustria.at sprach mit ihm

Nach einem weiteren schlechten Saisonstart, feuerte der damalige Ferrari-Chef Luca di Montezemolo Scuderia-Teamchef Stefano Domenicali und ersetzte ihn durch Marco Mattiacci. Der Wechsel war mutig, denn wenn Benzinbruder Domenicali bereits gescheitert war, wie könnte Manager-Typ Mattiacci der Trick gelingen? Der studierte Wirtschaftswissenschaftler verließ 1989 seine Heimat für einen Job bei Jaguar, kehrte zehn Jahre später aber London den Rücken um bei Ferrari anzuheuern. Ab 1999 war er im Nahen Osten, Russland und Finnland im Einsatz, bevor er die Produkteinführung für Maserati in den Vereinigten Staaten übernahm. Er wechselte zwischen den USA, dem Mittleren Osten und Ozeanien hin und her, ehe er 2010 Präsident und Geschäftsführer von Ferrari Nordamerika wurde. Seine Management-Fähigkeiten halfen Ferrari den Umsatz um 20 % zu steigern und machte die USA zum größten Markt für den Supersportler. Auch wenn Mattiacci selbst leidenschaftlicher Sportler und in seiner Freizeit beim Tennis, Skifahren oder Paddle-Boarding zu finden ist, gab es keine Anzeichen, dass er auf der sportlichen Seite der Luxus-Automarke arbeiten könnte, bis im April sein Handy klingelte. Montezemolo forderte ihn auf, nach Maranello zu fliegen und machte den Vater dreier Kinder wenige Tage später zum neuen Leiter der Gestione Sportiva Ferrari.

Der nötige Spirit

Bei Ferrari wollte man keinen großen Namen, sondern jemanden, der den Maranello-Geist in sich trägt. „Ich habe die Formel 1 schon als Kind verfolgt und arbeite für Ferrari seit 15 Jahren. Wenn ich aufwache, denke ich über die Formel 1 nach, denn alle unsere Autos sind von der Formel 1 inspiriert“, so Mattiacci. Der Italiener hat deutlich gemacht, dass er nicht auf der Suche nach schnellen Lösungen ist, sondern nach einem Plan, Ferrari 2015 wieder näher an die Spitze zu bringen und 2016 um den Titel zu fighten. „Ich bin durch und durch ein Ferrari-Mann. Aber ich habe einen ausgeprägten Sinn für Strategie und bin jemand, der Menschen die Möglichkeit gibt, ihr Talent auszuschöpfen.“ Mattiacci ist ein großer Bewunderer von Enzo Ferrari. Immer und immer wieder schaut er sich Videos über ihn an oder liest Bücher über den „Commendatore“. „Was ein Mann wie Enzo Ferrari erreicht hat – niemals aufzugeben, Unternehmergeist zu beweisen, und Zähigkeit mit sich selbst und dann mit all den anderen Menschen, und eine Ernsthaftigkeit und Fairness im Geschäft – ist außergewöhnlich.“

Motor Racing - Formula One World Championship - Russian Grand Prix - Practice Day - Sochi, RussiaNeuerMasterplan benötigt

Mattiacci räumt er ein, dass viele Veränderungen benötigt werden. „Wir müssen das Team komplett reorganisieren. Sie haben gesehen, wie lange das bei Mercedes oder Red Bull dauerte. Wir haben eine gute Basis, aber das ist nicht Fußball, wo Du mal schnell den Trainer wechselst und zwei neue Spieler kaufst, um dann im nächsten Jahr die Meisterschaft zu gewinnen. Wir brauchen hier eine andere Kultur. Wir müssen die Art, wie wir arbeiten, modernisieren und sicherstellen, dass wir einen positiven Druck verspüren, jedes Rennen gewinnen zu wollen.“ Entsprechend den Management-Strategien, die er in den USA erworben hat, will Mattiacci neue Talente, ehrgeizige, hart arbeitende Youngster einbringen, nicht große Namen. „Ich suche keine Stars. Ich suche Teamplayer. Schauen Sie sich den heutigen Markt an. Vor zwei Jahren hatten Sie von vielen dieser Leute noch nie etwas gehört.“ Der neue Ferrari-Teamchef bastelt schon fleißig an einer neuen Struktur. Sebastian Vettels ehemaliger Ingenieur bei Toro Rosso Riccardo Adami, Red Bull Chefmechaniker Kenny Handkammer, Mercedes-Motor Guru Wolf Zimmermann und Lotus-Simulator Chef Daniele Casanova sind alle in den letzten Zügen ihrer Vertragsverhandlungen mit den Roten. Und während der Italiener damit beschäftigt ist, Ausreden für Kimi Räikkönens mittelprächtige Auftritte zu finden, macht er deutlich, dass seine Vorliebe für Nummer 1 Pilot Fernando Alonso nicht allzu groß ist. „Bei Kimi ist es, wie wenn man einen großen Stürmer im Fußball holt. In den ersten sechs, sieben Spielen fällt er nicht auf, doch dann hat er sich eingelebt und explodiert. Was Kimi in Ungarn und auch in Spa gezeigt hat, ging schon in diese Richtung. Fernando ist ein ausgezeichneter Fahrer mit großer Leidenschaft und Talent. Aber ich bin nicht dazu da Fernando glücklich zu machen. Wir sind hier, um ihm ein schnelles Auto zu geben, ihn wettbewerbsfähig zu machen, nicht glücklich.“

Die Motor Debatte

Der Italiener ist sich bewusst, dass Ferraris großer Nachteil ihr Motor bzw. seine mangelnde Leistung im Vergleich zu den dominieren Mercedes Aggregaten ist. Daher ist er verzweifelt auf der Suche nach Argumenten für die Aufhebung oder zumindest Aufweichung der Entwicklungssperre der FIA. Mercedes hat einen großen Leistungsvorteil gegenüber der Konkurrenz von Renault und Ferrari im ersten Jahr der neuen Hybrid-Turbo-Vorschriften und es gibt Befürchtungen, dass das Werksteam des deutschen Herstellers auch 2015 wieder dominieren wird. Vor kurzem hat Mattiacci daher argumentiert, dass gerade die kleineren Teams von einer Aufweichung Motorenentwicklung unter der Saison profitieren würden. „Ich denke, ehrlich gesagt, dass es keine Kostensteigerung gibt. Wenn ich die Möglichkeit hätte, den Kundenteams (Sauber und Marussia) die Motoren mit einem Upgrade zu liefern, würden sie die Möglichkeit bekommen in die Punkte zu fahren und sich so Mehreinnahmen zu sichern. Für ein kleines Team ist das viel dramatischer als für ein großes.“ Diese Regeln können aber nur durch einen einstimmigen Beschluss der Teams abgeändert werden, was unwahrscheinlich ist. Beim jüngsten Treffen der Strategiegruppe des Sports anlässlich des Russland GP, stimmten Mercedes, Williams und Lotus. Ferrari wird weiter Druck machen. „Wir versuchen, unser Bestes zu tun, denn wir glauben, dass Innovation die Basis für den Erfolg der Formel 1 ist. Wir sind eine Firma, die Motoren produziert, daher ist es wichtig, dass unsere Innovationen in der Formel 1 zum Tragen kommen. Ich kann nicht zu unseren Fans gehen und sagen, Ihr müsst ein Jahr auf eine bessere Leistung warten.“

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