DELTA TIME – Hausleitner: „Unser bestes Rennen hat keiner gehört!“

In Folge 10 von DELTA TIME presented by Interwetten dem Videocast von Formelaustria.at, sprechen wir mit Ernst Hausleitner der beim ORF in die großen Fußstapfen von F1 Kommentator-Legende Heinz Prüller trat und die Berichterstattung ins neue Jahrtausend hob. Ernst Hausleitner über…

…den Antritt als F1-Kommentator nach Heinz Prüller

Das war ja kein ganz abrupter Wechsel. Ich kommentiere gemeinsam mit Alex (Wurz) die Rennen der Formel 1 seit der Saison 2009, war aber schon seit 2004 Teil der ORF Formel 1 Redaktion. Das heißt, ich konnte mich langsam an die Aufgabe herantasten. Ich hab zwischen 2004-2008 noch gemeinsam mit Heinz gearbeitet, hab die Interviews gemacht, ab 2006 die Moderation, und ab 2009 den Kommentar. Sicher waren das große Fußstapfen, denn Heinz ist eine absolute Legende. Es hat extrem viel für die Formel 1 in Österreich getan und diese Arbeit fortzusetzen, war natürlich eine ganz große Ehre und Freude. Großen Druck hab ich aber eigentlich nicht verspürt.

…seine Freundschaft zu Alex Wurz

Wir sind sehr gut befreundet. Wir sind zusammengewachsen wie ein altes Ehepaar, kennen unsere Stärken und Schwächen, wissen genau in welchen Situationen der andere wie reagiert. Es ist sehr harmonisch. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich Alex zwischen den Rennen relativ selten sehe. Wir telefonieren oft, aber wir sind räumlich getrennt. Alex wohnt mit seiner Familie in Monaco, ich wohne hier in Oberösterreich am Attersee. Wir sehen uns wirklich mehr oder weniger ausschließlich bei den Rennen. Aber das funktioniert. Es ist mittlerweile ein blindes Verständnis, denn wir kommentieren nun seit 15 Jahren zusammen, haben viele schräge Situationen erlebt, viele schöne, und auch ein paar weniger schöne.

…ein amüsantes Hoppala in der Kommentatorenkabine

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang immer an den Brasilien GP 2009. Das war ein hoch spektakuläres Rennen. Jenson Button ist Weltmeister geworden, dann hat es in der Pitlane ein Feuer gegeben bei Kimi Räikkönen. Es ist drunter und drüber gegangen. Was wir nicht wussten, wir haben zwar geredet und geredet, waren aber nie On-Air. Es hat nämlich ein Problem gegeben mit einem Einwahlknoten der Telekom. Es war ein technisches Problem in Wien, das nicht im Bereich des ORF lag. Ich bin dann skeptisch geworden, weil ich nie eine Anweisung vom Regieplatz bekam. Ich habe mich kurz ausgetastet und meine Mutter angerufen, die zu der Zeit noch alle Rennen angeschaut hat. Ich habe sie gefragt, ob sie mich im Fernsehen hört und sie meinte „Nein, da spricht heute ein anderer.“ Erst dann wussten wir, dass wir nicht auf Sendung waren. Gesagt hat es aber uns keiner. Ich habe dann in Wien angerufen im ORF Zentrum. Die erzählten uns vom technischen Problem und dass Mark Wurzinger den GP aus Wien kommentiert. Wir laufen an dem Tag zur Höchstform auf, waren wirklich gut, und dann hat uns niemand gehört. Wir sind dann nachhause gegangen, noch während das Rennen lief – ins Hotel, an die Hotelbar und haben uns dort einen Caipirinha reingepfiffen. Der Alex sagte, das war unser bestes Rennen.

…sein Verhältnis zu seinen COs Ferdinand Habsburg, Corinna Kamper und anderen.

Wenn du über Ferdinand sprichst, ist er natürlich „Everybody´s Darling.“ Den Ferdinand muss man einfach mögen. Ich glaube es gibt niemanden, der ihn nicht mag. Er ist ein richtig angenehmer und sehr netter Zeitgenosse. Ich bin sehr, sehr froh, dass wir ihn im Team dabeihaben, weil er einen ganz anderen Zugang hat und frischen Wind reinbringt. Er ist ein sehr belebendes Element. Die zwei Damen, Bianca und Corinna, sind super Kolleginnen und auch Expertinnen. Ich glaube, dass wir eine sehr harmonische Gruppe haben. Mit dem Robert Lechner natürlich, der auch dazu gehört, Thomas Preining und in den letzten beiden Jahren auch Maximilian Günther. Das passt alles!

…Max Verstappen und die Überlegenheit des Red Bull Boliden

Dass er der überlegene Fahrer ist, beweist der Vergleich mit seinem Teamkollegen „Checo“ Perez, dem er gnadenlos um die Ohren fährt. Perez hat bis Aserbaidschan noch ein wenig Land gesehen. Ab Miami ist dann der absolute Bruch in der Leistungskurve passiert. Das ist im Umkehrschluss finde ich auch der beste Beleg dafür, dass es nicht nur das Auto ist, das Verstappen in dieser Saison so überlegen macht. Er ist zweifelsfrei der Bessere im Vergleich zu Perez. Aber ich würde fast weiter gehen. Ich meine, dass er in der Gegenwart, wenn man die Leistungen in dieser Saison 2023 beurteilt, der beste Fahrer ist. Wir haben die Kombination, dass der Red Bull wahrscheinlich das beste Auto ist, aber auch mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit der beste Fahrer in diesem Auto sitzt, und das ergibt unterm Strich eine gnadenlose Überlegenheit.

…eine mögliche Dominanz eines anderen Fahrers im Red Bull

Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass in dieser Kombination mit diesem Auto, Max Verstappen unschlagbar ist. Man hat auch das Auto so entwickelt, dass es ihm haargenau passt. Das ist ein maßgeschneidertes Auto für den Niederländer, der das Auto sehr abrupt einlenken will. Ich kann mich an ein Interview mit Alex Albon erinnern. Er hat gesagt, das Auto lenkt ein, wenn du das Lenkrad nur ansiehst, also mit dem musst du einmal umgehen können. Das ist natürlich auch das Schicksal des Zweierpiloten, dass das Auto so designet wird oder während der Saison so weiterentwickelt wird, dass es primär dem Einserpiloten gefällt. Ist es so oder ist es nicht so, ich weiß es nicht. Aber am Ende des Tages hat Max ein Fahrzeug, das ihm perfekt passt. Wenn du jetzt in dieses Fahrzeug einen Hamilton oder einen Alonso oder wen auch immer reinsetzen würdest, dann meine ich trotzdem, dass Max der Schnellere wäre.

…die Vizemeisterschaft

Noch kann man nicht wissen, wer zweitstärkste Kraft hinter Red Bull Racing ist. In der Konstrukteursmeisterschaft ist es momentan Mercedes, aber es ist ganz schwer zu sagen, wer hinter Red Bull als Zweiter ins Ziel kommen wird. Nicht nur bei jedem Rennen, sondern auch am Ende der Saison. Wird es Mercedes sein? Wird es Aston Martin sein? Ist es beim nächsten Rennen vielleicht Ferrari? Auf der anderen Seite kommt natürlich das heraus, was Helmut Marko süffisant und mit Genugtuung kommentiert: „Die anderen nehmen sich die Punkte weg, deswegen fahren wir vorne davon und deswegen siehts auch verdächtig nach dem ersten 1 und 2 Finish in einer Fahrerweltmeisterschaft für Red Bull Racing in der Geschichte aus.“ Ich gehe stark davon aus, dass Perez, trotz seiner Schwächephase, den Vizeweltmeistertitel holen wird. Über den Weltmeistertitel besteht kein Zweifel mehr. Platz 3 im Fahrerranking würde ich Fernando Alonso gönnen, weil er uns so viel Freude und Spaß bereitet, mit seiner großartigen, kämpferischen Art zu fahren. Wenn es ein anderer ist, könnte ich genauso gut damit leben. Aber Alonso ist einfach ein Highlight in dieser Saison. Wenn er nicht Dritter wird und keinen Rennsieg feiert, dann würde ich ihm den Ehrenpreis der Saison 2023 überreichen, für jenen Piloten der die meiste Action in die Saison brachte.

…das Gleichziehen Verstappens mit den großen F1-Legenden

Das Einzige, was du hast um die Piloten in den unterschiedlichen Perioden der F1-Geschichte tatsächlich miteinander zu vergleichen sind Statistiken. Da müssen wir uns an den Zahlen orientieren, und nach diesen Zahlen hat er dann tatsächlich zu diesen Legenden aufgeschlossen. Bei WM-Titeln hinkt der Vergleich nicht, bei den Grand-Prix Siegen hinkt der Vergleich enorm, weil es früher viel weniger Rennen gab. Daher sind solche Vergleiche immer mit Vorsicht zu genießen. Wovon ich immer Abstand nehme, ist Fahrer unterschiedlicher Jahrzehnte miteinander zu vergleichen, weil das einfach nicht zulässig ist. Das ist auch in keiner anderen Sportart zulässig. Der Rennfahrer hat früher ganz andere Eigenschaften gebraucht, um schnell zu sein. Heute haben wir es mit Menschen zu tun, die das ganze Lenkrad in den Griff bekommen müssen, die technisch viel versierter sein müssen, die viel mehr Multitasking zu betreiben haben, als Rennfahrer in der Vergangenheit. Früher hat man wahrscheinlich mehr Mut gebraucht um einen WM-Titel in den 60er Jahren zu holen. Daher finde ich das einfach nicht ganz zulässig. Insofern halte ich von diesen Vergleichen nichts

…das Rennen in Las Vegas

Es ist natürlich auf der einen Seite sehr gut, dass die Formel 1 in Amerika boomt.  Die Formel 1 hat jahrzehntelang gekämpft, um dort irgendwie anzukommen. Jetzt ist sie nicht nur angekommen, sondern geht förmlich durch die Decke. Auf der anderen Seite ist es zum Hochluxusevent erklärt worden. Es gibt nirgendwo höhere und unverschämtere Preise als für dieses Rennen. Die Formel 1 ist grundsätzlich schon ein teurer Spaß geworden, auch auf europäischen Rennstrecken. Was man in Las Vegas aufführt, ist meines Erachtens nach fast pervers, wenn man für Paddockclub-Tickets bis zu 30.000€ zahlt. Man hört, dass es dort noch andere, exklusivere Tickets geben wird, wo du dann bis zu 100.000€ oder mehr für das Wochenende zahlst. Das finde ich zur Gänze abgehoben und nicht im Sinne der Kundschaft. Ich möchte, dass die Formel 1 zugänglich für jedermann bleibt, oder wieder wird. Wie gesagt es ist eh schon relativ, wenn du dir eine Tribünenkarte kaufst und dort mit der Familie hingehst und dann befreist du dich an einem Wochenende von einem Monatslohn. Das finde ich schon sehr grenzwertig, auch die Preise für das Merchandising. Man weiß natürlich, dass da viel Geld drinnen ist. Red Bull verkauft weltweit extrem viel Merchandising. Aber wenn du für eine Baseballkappe 75€ zahlst, ist es dann auch Luxus geworden. Man darf die Normalsterblichen Formel 1 Fans bei dieser Profitjagd nicht vergessen.

…den nächsten österreichischen Formel 1 Fahrer

Wenn man es danach beurteilt, in welcher Kategorie die Jungs gerade unterwegs sind, dann ist Charlie Wurz natürlich der nächste in der Reihe. Das Ziel vom Alex und Charlie ist es, ihn in der nächsten Saison in der FIA Formel 3 im Umfeld der Formel 1 fahren zu lassen. Da wird er dann natürlich auch unter viel strengerer Beobachtung einer viel breiteren Öffentlichkeit stehen. Die Rennen werden allesamt live übertragen, man fährt im Rahmenprogramm der Formel 1. Dementsprechend sind alle Journalisten vor Ort, alle schauen hin. Da wird er sich tatsächlich beweisen müssen. Dieses Jahr war nicht das glücklichste für Charlie. Ich hoffe, dass es ihm nächstes Jahr besser geht. Ansonsten sehe ich, wenn wir den Zeithorizont auf die nächsten fünf Jahre ausdehnen, niemanden der tatsächlich in der Formel 1 auftauchen könnte und den österreichischen Reisepass besitzt.

…das Durchhaltevermögen von Charlie Wurz

Es war immer, von Kartzeit-Alter an, eine Stärke von Charlie, dass er sehr fokussiert ist und mit Druck sehr gut umgehen kann. Er hat sich sehr früh commited, dass er Rennfahrer werden will, und, dass er es mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreibt. Also, vom Mindset fehlt überhaupt nichts. Er ist auch sehr schnell, das haben alle Vergleiche und Testfahrten gezeigt. Wenn er langsam wäre, hätte er die Winterserie in Neuseeland nicht gewinnen können. Er ist ein super Rennfahrer, aber hat vielleicht das Manko, dass er ähnlich groß ist wie sein Papa.

Posted in ,