Capito: „Vowles führt unsere Arbeit bei Williams sehr gut fort!“

Ex-McLaren und Williams Teamchef Jost Capito war anlässlich der F1 Buchpräsentation von „Helden der Ringe“ in Wien und in diesem Rahmen auch bei DELTA TIME zu Gast. Der Deutsche sprach dabei über seine lange Karriere im Motorsport, die Zukunft von Williams Racing, Max Verstappens Planung, und vieles mehr

Jost, Du hast 1985 als Beifahrer mit Deinem Vater Karl Friedrich Capito die Rallye Dakar gewonnen. War das so ein richtiger Vater-Sohn-Moment für Euch?

Ja, das ist natürlich nicht jetzt ein Moment, sondern die Rallye geht über 3 Wochen. Das waren damals knapp 15.000 km. Da gibt’s natürlich zwischen Fahrer und Beifahrer immer auch mal Spannungen, also das war schon eine große Probe für das Vater-Sohn-Verhältnis. Man verfährt sich oder der Fahrer macht einen Fehler, da gibt’s schon Reibereien im Auto – ganz besonders, wenn man im Schnitt zwei Stunden pro Nacht schläft und das über drei Wochen. Das ist sowohl psychisch als auch physisch eine starke Belastung. Und wenn man da wirklich 20 Stunden im Auto zusammenhängt, dann ist das nicht alles Harmonie. Aber wenn man dann gewinnt, ist das natürlich alles vergessen und das schweißt schon nochmal mehr zusammen.

War es schon immer ein Traum für Dich in der Formel 1 zu arbeiten? Immerhin hast Du auch einen Ingenieurstitel in der Tasche….

Ich bin das erste Mal in den 60er Jahren mit meinem Vater zu einem Formel 1 Rennen gefahren. Ich kann mich noch erinnern, dass wir zum Nürburgring gefahren sind. Damals war das noch im alten Fahrerlager und man konnte einfach überall hingehen. Man konnte auch direkt an die Rennstrecke gehen. Für mich war die Formel 1 relativ weit weg, aber natürlich ein Traum. Aber in der Zeit, so 60er, 70er Jahre war es so, man hat vielleicht davon geträumt, aber nicht geglaubt, dass es irgendwann mal funktioniert.

Kannst Du Dich an spezielle Stressmomente in Deiner Karriere erinnern, die Dir bis heute im Kopf geblieben sind?

Eigentlich nicht. Man muss nicht sagen smooth, aber zwischen smooth und anstrengend und fordernd und Stress ist nochmal ein Unterschied. Ich glaube, wenn man aktiv Rennen gefahren ist und aktiv Motorsport betrieben hat, dann gewöhnt man sich an Adrenalinausstöße und die Adrenalinausstöße sind etwas Positives. Man wird sozusagen zum „Adrenalinjunkie“. Und auch dann, wenn man mal ein Rennteam führt oder ein Straßenauto entwickelt, gibt es herausfordernde Momente, über die man sich freut und wo man sagt: ‚Das ist eine Herausforderung, die will ich meistern‘, aber nicht als Stress empfindet. Man freut sich dann eher über das Ergebnis, wenn man was erreicht hat. Und wenn man es nicht erreicht, überlegt man, was man besser machen kann, steht auf, und fängt wieder an. Aber das sind – in dem Sinn – keine Stressmomente.

Gibt es Entscheidungen, die Du heute im Nachhinein bereust?

Es wird oft gefragt: „Was war der beste Job? Würdest Du alles nochmal genauso wieder machen oder was würdest Du nicht machen?“. Ich habe alles bewusst gemacht, was ich gemacht habe und ich habe auch nie eine Berufsplanung gehabt. Es war nie, „da will ich enden“, weil ich immer das Gefühl hatte, wenn ich sage „da will ich enden“, dann geh ich nur darauf los und dann wird’s langweilig. Ich lasse dann andere Möglichkeiten, die ich vielleicht habe, außer Acht. Wenn ich in jedem Job das Beste gebe und dann sehe, was sich daraus für Möglichkeiten ergeben, dann passt das. Ich glaube, wenn ich eine Planung gemacht und die strickt verfolgt hätte, wäre ich nie Teamchef in der Formel 1 geworden. Also, bereue ich eine Entscheidung? Nein.

Was waren die berührendsten Momente Deiner Karriere?

Da gabs einige. Zum Beispiel als ich ins Büro von Enzo Ferrari konnte, in dem er alle Verträge unterschrieben hat, und das Büro ist geblieben, wie er es hinterlassen hat. Das ist ein Moment, wo man sagt, das hätte man sich nie erträumt, dass man das überhaupt je sieht. Da bekommt man schon Gänsehaut. Ein anderer Moment war, als ich in Norfolk bei Lotus war, und ich konnte in das Büro von Colin Chapman gehen, der für mich der genialste Konstrukteur in der Formel 1 zu seiner Zeit war. Und dass, ich da im Büro sein konnte, was auch so belassen war, wie er es hinterlassen hat, war auch aufregend. Dann, ein Moment war sicher auch, als ich ins Jim-Clark-Museum im Urlaub in Schottland gegangen bin, mir das alles angeschaut habe, und so lange dringeblieben bin, bis ich wirklich allein mit all den Utensilien in dem kleinen Museum war. Ich glaube das sind berührende Momente im Motorsport, die man sich nur sehr schwer vorstellen kann, wenn man nicht wirklich diese Beziehung zum Motorsport hat.

Bei Deiner Beschreibung bekommt man fast selbst eine Gänsehaut! Du hast vor knapp einem Jahr Williams verlassen. Wie geht es Dir mit dieser Entscheidung?

Richtig gut. Ich habe nie zurückgeblickt und irgendwas bereut, sondern ich habe meine Entscheidungen immer bewusst getroffen. Ich wollte den Williams-Job zwei Jahre machen. Das Team ist über 15 Jahre hinweg zurückgefallen, weil kein Geld da war. Man musste viel neu aufstellen, musste viel in die Wege leiten, wie das Team zu modernisieren ist, wie es neu aufgestellt wird, strukturell etc. Das ist wirklich ein Knochenjob und dazu kommen dann auch noch die Rennen. Wenn man das zwei Jahre macht, wenn man die Änderungen gemacht hat, dann muss man auch für jemand Jüngeren Platz machen, der dann das, was eingeleitet ist, fortsetzen kann. Deshalb wollte ich auch nur die zwei Jahre machen, die aber gerne und mit vollem Einsatz, mit all meiner Erfahrung. Und das hat hervorragend funktioniert.

Wie schauts heute bei Williams aus?

James Vowles (Teamchef seit 2023) kannte ihn von früher, habe gut mit ihm zusammengearbeitet, weil wir ja die Mercedes-Motoren drin hatten und er der Ansprechpartner war. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis entwickelt und ich bin sehr froh, dass er Teamchef geworden ist. Wir haben uns zu Beginn des Jahres auch sehr lange unterhalten, sodass er von mir genau wusste, was der Status ist, was haben wir in den letzten zwei Jahren gemacht, und er hat sehr gut zugehört, hat das angenommen und entwickelt das jetzt weiter. Natürlich macht jeder das in einem gewissen anderen Stil, aber ich denke er hat eine gute, anständige Basis. Die Erfolge sind in diesem Jahr sehr gut für da, wo Williams steht – und das heißt, wir haben die letzten zwei Jahre einen guten Job gemacht und er macht diesen weiter. Es ist noch ein langer Weg, denn sowas geht nicht von heute auf morgen. Aber solange man im Team sieht, dass es vorwärts geht und dass es in die richtige Richtung geht, ist auch die Motivation da und so langewird es besser.

Gibt es ein Team, bei dem Du auch einmal gerne gewesen wärst?

Ich habe eigentlich in allen Teams gearbeitet, zu denen ich immer aufgeschaut habe. Bei Ford war Motorsportchef für Europa, habe aber auch in Amerika gearbeitet, und Global-Motorsport-Business für sie gemacht. Wir haben nach 27 Jahren wieder die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen und ich war auch für sie in der Formel 1. Ich habe bei Jordan die Motoren-Partnerschaft betreut. Vorher war ich bei Porsche, habe 1994 als Teammanager Le Mans gewonnen. Ich habe davor für BMW gearbeitet, auch zum Teil im Motorsport, später dann bei Volkswagen, für Sauber in der Formel 1, für Volkswagen die Rallye-WM viermal in Serie gewonnen. Aber für ein Formel 1 Traditionsteam brennt man, da war ich bei Williams und McLaren. Was fehlt ist Ferrari, aber bei Ferrari muss man glaub ich italienisch sprechen und Ferrari ist nochmal eine ganz andere Nummer, politisch nochmal anders. Deswegen war das nie wirklich mein Ziel für Ferrari. Auch nicht als ich in der Formel 1 war.

1996 war der Start Deiner F1 Karriere mit Sauber und letztes Jahr im Dezember (vorerst) das Ende. Welche Veränderungen in der Formel 1 in dieser Zeitspanne findest Du gut, welche weniger?

Das ist so pauschal schwer zu sagen. In diesen über 25 Jahren hat sich in unser ganzes Leben verändert, hat sich die Gesellschaft verändert, haben sich alle Sportarten verändert. Die Formel 1 ist stark gewachsen, damals bei Sauber hatten wir um die 200 Mitarbeiter, bei Williams waren es zwischen 800-900 Mitarbeiter, die großen Teams haben über 1200. Alles ist viel professioneller geworden. Heute ist auch sehr viel mehr Geld involviert, es gibt mehr Rennen, es gibt keine Tests mehr, das ganze Umfeld ist wesentlich schnelllebiger geworden. Früher war es vielleicht noch ein bisschen gemütlicher. Heute mit 23 oder 24 Rennen gibt’s überhaupt keine Pause mehr.

Wie siehst Du die Zukunft der Formel 1?

Die Formel 1 erlebt einen riesigen Aufwind, nicht zuletzt durch „Drive to Survive“. Wie die Formel 1 nicht nur den Fans, sondern auch Zuschauern, die keinen unmittelbaren Formel-1-Bezug haben, einen Blick hinter die Kulissen liefert und die Protagonisten vorstellt, ist sehr authentisch und man bekommt einen ganz anderen Einblick. Das sind keine Leute, die nur das Rennen ansehen wollen. Du holst auch die ab, die dann sagen wollen, ich habe die und die Person in der Serie kennengelernt, ich verstehe das, ich weiß wie wer persönlich, privat ist und ich verfolge ihn dann auch im Rennsport. Ich glaube, das hat der Formel 1 sehr gutgetan. Speziell in Amerika genießt die Formel 1 einen wahren Boom. Wir haben jetzt mit drei Rennen in den USA, mit Miami, Austin und Las Vegas. Gerade Vegas hat einen GP-Event mit dieser enormen Show, dem Rennen über den Strip, und den 500.000 Fans am Wochenende, auf ein ganz anderes Level gehoben. Der Trend hält weiter an, weil der Sport wirklich sehr attraktiv und sehr publikumsbezogen ist.

Max Verstappen ist zum dritten Mal Weltmeister geworden. Wo siehst Du ihn in den nächsten Jahren?

Max ist so ehrgeizig und erfolgsorientiert, dass er weiter jedes Rennen gewinnen will. Das hat man auch in den letzten Rennen gesehen, obwohl er schon Weltmeister war. Er gibt immer alles. Wenn er sich in das Auto setzt, dann will er der Schnellste sein und ich denke, er wird versuchen, noch möglichst viele Rekorde zu brechen, auch noch in diesem Jahr. Er hat einen langfristigen Vertrag bei Red Bull und das Auto ist gut, sie haben ein gutes Team, haben gute Ingenieure, da gibt’s keinen Grund, warum er nicht noch ein paar Titel holen könnte.

Wird es auf 2024 hin einen spektakulären Wechsel geben?

Die Fahrer sind relativ gesetzt, ich glaube, die Teamchefs sind auch recht fix. AlphaTauri bekommt einen neuen, den sie aber schon einarbeiten. Und die restlichen Teams sind sehr stabil. Natürlich gibt’s immer wieder Techniker, die die Teams wechseln, aber das ist nie wirklich kurzfristig, weil da gibt’s den sogenannten „Gardening Leave“, eine Konkurrenzklausel, weil ein Mitarbeiter, der viel vom Auto weiß, sofort das Know-How zum anderen Team bringen würde. Dadurch ist meistens ein Jahr dazwischen, wenn jemand irgendwo aufhört, der wirklich viel Einsicht in ein Team hat, bevor er woanders anfangen kann.

 

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